Buchtipp: Tod bei Tisch

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Neuer Roman zum 80. Geburtstag der Erfolgsschriftstellerin Ingrid Noll am 29. September*


„Ich möchte weder moralisieren noch eine Ideologie vertreten, sondern gut unterhalten. Meine Bücher sind Menschengeschichten mit kriminellen Überraschungen; schließlich will ich beim Schreiben auch Spaß haben“, erklärte Ingrid Noll kürzlich in einem Interview.


Ihr Lebensweg könnte selbst einem Roman entstammen - in Shanghai als Tochter eines Arztes geboren, besuchte sie in Nanking die Schule, ehe sie 1949 mit ihren Eltern nach Deutschland kam, das Abitur machte und dann in Bonn Kunstgeschichte und Germanistik studierte. Später "rettete mich die Heirat vor dem Lehrerberuf", bekannte Ingrid Noll, die ihrem Mann, einem Arzt, in der Praxis half, drei Kinder groß zog und bereits die Fünfzig überschritten hatte, als sie zu schreiben begann. "Als die Kinder aus dem Haus waren, fing ich erst vorsichtig und tastend und dann immer energischer an, mich in eine Schriftstellerin zu verwandeln", erinnert sich die Erfolgsautorin an ihre Anfänge.
Mit ihrem 1991 erschienenen Debütroman "Der Hahn ist tot" stürmte Ingrid Noll sofort die Bestsellerlisten. Ein neuer, etwas unkonventioneller Stern am deutschen Krimi-Himmel war aufgegangen. Auch die nachfolgenden Werke (alle bei Diogenes erschienen) "Die Apothekerin" (1994), "Kalt wie der Abendhauch" (1996), "Selige Witwen" (2001), "Rabenbrüder" (2003), "Kuckuckskind" (2008), „Ehrenwort“ (2010) und „Hab und Gier“ (2014) fanden reißenden Absatz, wurden in 20 Sprachen übersetzt und machten Ingrid Noll, die heute* in Weinheim ihren 80. Geburtstag feiert, zur meist gelesenen deutschsprachigen Krimi-Autorin.
Ihr Erfolg hängt damit zusammen, dass sie nicht auf actionreiche, blutrünstige Plots setzt, sondern subtile, oft unkonventionelle Arten des Tötens bevorzugt. Zudem gelingt es Ingrid Noll zumeist, den Grat zwischen Opfer und Täter extrem schmal zu gestalten. Ihre Mörder sind ziemlich normale Figuren, die sie in psychische Fallstricke fesselt, ohne ihnen jedoch dämonische Züge zu verleihen. Tragische, unglückliche Frauenfiguren scheinen sie ohnehin zu faszinieren, denn Madame Bovary, Anna Karenina und Effi Briest sind ihre literarischen Lieblingsfiguren.
"Mich reizt der Zwiespalt im Menschen. Und ich kenne meine Personen sehr gut, ich nehme sie mit in meine Träume, und sie sitzen bei mir auf dem Sofa und trinken Tee", erklärt die Autorin ihr schriftstellerisches Erfolgsrezept. Nicht die Tat und deren Aufklärung, sondern die Beweggründe (darin Patricia Highsmith durchaus verwandt) stehen im Vordergrund.

Dickes Lob von Katja Riemann
Schauspielerin Katja Riemann, die auf der Leinwand "Die Apothekerin" verkörperte, zollte Ingrid Noll eines der schönsten Komplimente: "Ja, ich mag ihre Bücher sehr. Ihre Geschichten sind eine aufregende Mischung aus absurden Charakteren und schwarzhumorigen Plots."
An dieser Erfolgsmixtur hält Ingrid Noll auch in ihrem jüngsten Roman fest, in dessen Mittelpunkt die alleinerziehende Nelly steht. Die Mittdreißigerin, Mutter von zwei Grundschulkindern, verdient sich nach abgebrochenem Studium ihren Lebensunterhalt auf recht unkonventionelle und nicht ganz legale Weise. Sie betreibt einen Mittagstisch, kocht gegen Bezahlung für Freunde und Bekannte.
An Nellys Mittagstisch treffen unterschiedlichste Charaktere aufeinander. Die Lehrerin Regine bringt etliche Kollegen und Kolleginnen mit, Handwerker, Seefahrer und rüstige Rentner speisen gemeinsam mit den Pädagogen.
Dabei kommt es zwischen den Figuren immer wieder zu Spannungen, an deren Entstehen Nelly nicht unbeteiligt ist. Sie hat ein Auge auf den Installateur Markus geworfen, der jedoch mit Gretel, die ebenfalls zur Runde gehört, fest liiert ist. Kein Wunder, dass Gretel in Nellys Sympathieranking ebenso schlecht abschneidet, wie deren unvermittelt auftauchender „Ex“ Matthew. Der vorbestrafte US-Amerikaner meldet plötzlich Ansprüche auf die gemeinsamen Kinder an. Ein Unfall, eine Erdnussallergie und ganz speziell zubereitete Lammhackbällchen sorgen für ein turbulentes Stühle rücken an Nellys Mittagstisch.

Mit Herz, Witz und Charme
Ingrid Noll hat in ihren Romanen einen ganz singulären Tonfall gefunden und die erzählerische Krimikomödie mit großem Erfolg salonfähig gemacht. Sie schreibt mit Herz, Witz und reichlich Charme. Und ihre Wünsche für die Zukunft klingen so lebensnah wie ihre „Geschichten“: „noch lange Auto fahren können, einigermaßen gesund und selbstständig bleiben und vorläufig keinen Rollator mit lila Schleife als Geschenk zu bekommen.“

Ingrid Noll: Der Mittagstisch. Roman. Diogenes Verlag, Zürich 2015, 220 Seiten, 21,90 Euro
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2 Kommentare
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Martina Janßen aus Hattingen | 17.09.2015 | 20:07  
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Cordula Kirstein aus Bottrop | 20.09.2015 | 14:33  
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