Chandler hat ihr Mut gemacht

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Zum 80. Geburtstag der Bella-Block-Schöpferin Doris Gercke am 7. Februar


Ein wenig desillusioniert klingen mit den Jahren die Worte von Doris Gercke, der Schöpferin der bekannten TV-Figur Bella Block: "Ich fürchte, ich habe mir mal eingebildet, als ich angefangen habe zu schreiben, dass man damit etwas verändern könnte, dass es sozusagen eine aufklärerische Funktion haben könnte. Ich glaube das eigentlich nicht mehr."


Erst spät hat die seit vielen Jahren in Hamburg lebende Schriftstellerin den Weg zur Literatur gefunden: "Ich hab' mal gelesen, dass Chandler mit vierzig seinen ersten Kriminalroman geschrieben hat. Das hat mir Mut gemacht."
Kein Wunder also, dass ihre Protagonistin Bella Block auch in kein Schubladenklischee passt. Die Roman- und TV-Figur ist eine Frau mit Ecken und Kanten, die sich mit List und Tücke den Weg durch den kriminalistischen Dschungel der Männerwelt bahnt. Hannelore Hoger als TV-Verkörperung ihrer Bella Block findet Doris Gercke "beeindruckend", wenngleich sie einräumt, dass die Heldin in ihrer Fantasie und auch in der Umsetzung in den Romanvorlagen ganz anders aussieht. Auf jeden Fall wollte sie eine Figur schaffen, die sich "fernab von Jugendwahn und Schönheitsidealen" bewegt.
Doris Gercke, die heute* vor 80 Jahren in Greifswald als Kind einer Arbeiterfamilie geboren wurde, gab 1959 nach der Geburt ihrer zweiten Tochter den Job als Sachbearbeiterin auf und widmete sich ganz ihrer Familie. Zwanzig Jahre später holte sie - inzwischen Großmutter - das Abitur nach und begann Jura zu studieren. So lernte sie professionell mit Kriminalfällen umzugehen, und 1988 erschien dann im kleinen Hamburger Verlag am Galgenberg der erste Bella-Block-Roman "Weinschröter, du musst hängen", der auf Anhieb zu einem Verkaufserfolg wurde. Damals nach ihrem Erfolgsrezept befragt, wusste Doris Gercke keine plausible Antwort. "Ich beschreibe nur, was ich sehe", lautete die lapidare Auskunft.
Nach ihrem bestandenen juristischen Staatsexamen widmete sich Doris Gercke ganz ihrer schriftstellerischen Arbeit. Bis 1991 erschienen noch fünf weitere Kriminalromane im Verlag am Galgenberg, ehe der renommierte Hoffmann und Campe Verlag Doris Gercke unter Vertrag nahm.
Der große Durchbruch der Bella-Block-Krimis folgte nach der ersten Verfilmung. Regisseur Max Färberböck hatte für das ZDF 1993 nach Motiven von Doris Gerckes Erstling "Weinschröter, du musst hängen" den 100-Minuten-Film "Bella Block, die Kommissarin" gedreht.

Wirklichkeit einfangen
"Ein guter Krimi muss Wirklichkeit einfangen. Ich mag diese konstruierten, unrealistischen Geschichten nicht, die mit witziger Sprache aufgepeppt werden", bekannte die Erfolgsautorin. Deshalb stehen exakte Milieustudien auf Doris Gerckes Prioritätenliste ganz oben. Für ihren Bella-Block-Roman "Dschingis Khans Tochter" (1996) reiste sie zur Recherche eigens bis nach Odessa. 2010 erschien ein weiterer (noch unverfilmter) Bella-Block-Roman. In "Tod in Marseille" gerät die inzwischen pensionierte Ermittlerin im Südfrankreich-Urlaub in ein gefährliches Mafianetz. Inzwischen hat sich die TV-Produktion beinahe verselbständigt. Fernseherfahrene Autoren schreiben inzwischen die Drehbücher. "Mich ärgert, dass ich die Rechte an der Figur zu billig verkauft habe", beklagt Gercke im Rückblick.
Neben den Bella-Block-Krimis hat sie drei weitere Romane, zwei Kinderkrimis, den Lyrikband "Eisnester" (1996) und fünf Kriminalhörspiele geschrieben. Ihren im Herbst erschienenen Roman „Wo es wehtut“ hat sie mitten in den politischen Unruhen in der ukrainischen Hauptstadt Kiew angesiedelt. Geheimdienste und jede Menge Schurken kommen sich dabei in die Quere – ein tödlicher Kampf zwischen politischen Interessen und dunklen Geschäften.
Doris Gercke, die von der Kriminalschriftstellervereinigung "Das Syndikat" im Jahr 2000 für ihr Gesamtwerk mit dem "Ehrenglauser" ausgezeichnet wurde, hat den sozialkritischen Eifer ihrer Anfangsjahre längst abgelegt: "Inzwischen schreibe ich eher für mich selbst. Und wenn es dann die Leute interessiert, was ich fabriziert habe, dann ist das natürlich wunderbar." Der Erfolg der "spätberufenen" Doris Gercke spricht für sich.


Lesetipp:
Doris Gercke: Wo es wehtut. Roman. Haymon-Verlag, Wien, 2016, 311 Seiten, 15.90 Euro
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