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Zum 100. Todestag (am 22. November) des Schriftstellers Jack London

Wer denkt beim Namen Jack London nicht unweigerlich gleich an jene, in die TV-Geschichte eingegangene Szene mit Raimund Harmstorf als kartoffelzerquetschenden Kapitän Larsen in Londons zwölfmal verfilmten Roman „Der Seewolf“?

Selbst intime Kenner der Literaturszene werden mit dem Namen John Griffith Chaney nichts anzufangen wissen. Unter diesem Namen wurde der spätere Erfolgsautor am 12. Januar 1876 als Sohn eines mittellosen Astrologen in San Francisco geboren. Der Vater verließ Frau und Kind; Jack wuchs in ärmlichen Verhältnissen bei einem Stiefvater namens London in Oakland auf.
Mit zehn Jahren trug er Zeitungen aus, mit 15 schuftete er zwölf Stunden täglich in einer Konservenfabrik, um irgendwie das materielle Überleben der Familie zu sichern. Die harte Kindheit und Jugend am Rande des Existenzminimums hat Jack London zeitlebens geprägt.
Er verlässt die Schule vorzeitig (holt aber später den High-School-Abschluss nach) und heuert als Matrose an. Als er 17-jährig von einer Robbenjagd vor Sibirien heimkehrt, liest er ein Preisausschreiben einer Zeitung in San Francisco, die 25 Dollar für die beste Kurzgeschichte ausgelobt hat.
Er schreibt seine abenteuerlichen Erlebnisse auf und gewinnt den ersten Preis. Dies war die Geburtsstunde des Schriftstellers Jack London. Für den großen Durchbruch bedurfte es noch eines weiteren großen Abenteuers. 1897 schloss er sich einer Goldsucherexpedition an, die sich aufmachte zum Klondike River nach Alaska.
London fand zwar kein Gold, aber dafür in dieser Zeit die Themen, die ihn als Schriftsteller nicht mehr losließen: der Mensch im Kampf mit der Natur, die Suche des Individuums nach existentiellen Herausforderungen und die Sehnsucht der social underdogs nach Lebensqualität.

Honorare in Millionenhöhe
Diese thematischen Eckpfeiler bestimmen gleichermaßen das literarische Werk wie Jack Londons eigene Vita. Binnen drei Jahren (zwischen 1900 und 1903) wird London nach Erscheinen seiner Bücher „Der Sohn des Wolfs“, „Der Seewolf“ und der „Der Ruf der Wildnis“ der erste literarische Star. Er kassiert Honorare in Millionenhöhe, sein Bild geht durch alle Gazetten, und er versucht, seine Popularität politisch zu nutzen - als Mitglied der eher bedeutungslosen sozialistischen Partei.
„Dieser Jack London hatte die unerhörte, vorurteilslose, traditionslose Art, die Dinge zu sehen, wie sie einem kulturbelasteten Europäer kaum noch gelingt. Die ganze Spannung, das ganze Tempo, die ganze abenteuerliche Sachlichkeit eines Menschen, der das Leben kennt und es ohne Sentiments beurteilt, steckt darin“, schrieb Erich Maria Remarque 1930 bewundernd in seinem Nachwort zur deutschen Übersetzung von „Die Zwangsjacke“.
Doch Londons eigener Lebenswandel steht in krassem Widerspruch zu seinem Engagement für die Arbeiterklasse. London - so scheint es heute - ging es viel weniger um die Politik als um eine Fortsetzung des Kampfes, den er als junger Mann mit der Natur ausgefochten und später (im übertragenen Sinn) gegen die Kapitalisten fortführte. Während sich Jack London auf seiner eigenen Jacht in der Südsee mit einigen Freunden vergnügte, konstatierte er missmutig aus der Ferne, dass sich die Sozialisten um ihren Führer Debs immer stärker an das politische Establishment anpassten.
Jack London wendet sich immer mehr von der Partei ab und schreibt über seine Erfahrungen als gespaltenes Individuum, das zwischen die Klassen geraten ist, den noch heute lesenswerten, weitestgehend autobiografischen Roman „Martin Eden“ (1909). Darin offenbart London sich und seine zweifelhaften Ideale schonungslos. Er favorisiert den militanten Kampf russischer Prägung und entwirft einen Heldenmythos, der an Nietzsches „Übermensch-Theorie“ erinnert.

Innere Zwiespälte
Literarisch, politisch und privat gerät London immer stärker in innere Zwiespälte. Er zieht sich zurück auf eine teure kalifornische Ranch, beginnt immer stärker zu trinken (nachzulesen in: „John Barleycorn“, 1913) und sucht in Liebesabenteuern Zuflucht. Seinen exzessiven Lebenswandel finanziert er durch schriftstellerische Massenware, zu der ihn die Verleger antreiben. In „Moon Valley“ und „Little Lady of the big house“ preist er auf rührselige Weise die Rückkehr zum Farmertum als alternative Lebensform.
Am 22. November 1916 ist Jack London auf seiner Farm in Glen Ellen (Kalifornien) gestorben. Gescheitert an seinem sozialen Aufstieg, an seiner Egozentrik, am Alkohol und am Morphium - mit gerade einmal 40 Jahren. Sein Werk und viele Legenden über seine bewegt Vita leben noch heute.
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