Der Schuss im Treibhaus

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Margriet de Moors Novelle „Schlaflose Nacht“




„Ein ganz normaler Mann, der keine eineinhalb Jahre meines Lebens mit mir geteilt hat, hatte sich nach einem Schuss in einem Treibhaus in ein wahnsinnmachendes Geheimnis verwandelt“, heißt es in Margriet de Moors Novelle „Schlaflose Nacht“, die bereits 1989 – in leicht abgewandelter Form – erschienen war.


Eine junge Frau quält sich mit den Trümmern ihres Lebens. Die Ich-Erzählerin hatte in den frühen 1970er Jahren Ton beim Schlittschuhlaufen kennen- und lieben gelernt. Sie waren ins Eis eingebrochen, hatten sich retten können und wurden – beinahe zwangsläufig – ein Paar. „Unsere Liebe war von vollkommener Einfachheit gewesen,“ heißt es im Rückblick. Die Protagonistin hatte gerade ihr Lehrerexamen bestanden, Ton studierte Jura, übernahm aber wenig später den landwirtschaftlichen Betrieb seines Vaters. Ohne irgendwelche Anzeichen und ohne einen Abschiedsbrief zu hinterlassen, erschießt sich Ton im Chicorée-Gewächshaus.
Margriet de Moor, die im November ihren 75. Geburtstag feiert und durch Romane wie „Die Verabredung“ (2000), „Sturmflut“ (2005) und „Der Maler und das Mädchen“ (2011) längst zu den profiliertesten Stimmen der niederländischen Gegenwartsliteratur zählt, lässt ihre Protagonistin in dieser ohne großes Pathos arrangierten klassischen Novelle immer wieder auf die „unerhörte Begebenheit“, Tons unerklärlichen Selbstmord, zurück blicken.
Seit mehr als 13 Jahren lebt sie allein, auf Anraten ihrer Schwägerin Lucia trifft sie sich gelegentlich mit Männern, sucht dabei aber lediglich „Eintagesvertraulichkeit“.
Die ausgebildete Pianistin Margriet de Moor hat ein feines Gespür für Zwischentöne entwickelt und zwischen den Zeilen ein komplexes Geflecht aus Selbstbefragungen, Schuldgefühlen und Ratlosigkeit gestrickt – unaufdringlich und mit leisen Tönen komponiert, aber mit großem psychologischen Tiefgang. “Dies ist wieder eine dieser Nächte, die ich schlaflos durchlebe“, lässt die Autorin ihre Hauptfigur resümieren. Die Schlaflosigkeit bekämpft sie durch nächtliches Backen in Begleitung ihres Schäferhundes Anatole, das sinnliche Erlebnis des Wohlgeruchs soll die selbstzerstörerisch-grüblerische Phase kaschieren. „Ich könnte keinem Menschen sagen, was meinen Mann in den letzten Augenblicken seines Lebens dazu getrieben hat.“
In „Schlaflose Nacht“ stehen Ratlosigkeit, Verstörung, Schuldgefühle und eine quälende Ungewissheit im Mittelpunkt. Margriet de Moor hält diese schmale Novelle bis zum Ende in einem reizvollen Schwebezustand. Die Protagonistin hat Männerbesuch, löst sich plötzlich aus dessen Armen, weil der russische Napfkuchen aus dem Ofen muss. Ein Neuanfang mit Wohlgeruch in der Nase oder doch nur „Eintagesvertraulichkeit“?

Margriet de Moor: Schlaflose Nacht. Aus dem Niederländischen von Helga van Beuningen. Carl Hanser Verlag, München 2016, 127 Seiten, 16 Euro
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