Der Trick mit den vier Türen

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Carlos Ruiz Zafóns Roman „Das Labyrinth der Lichter“




Der katalanische Autor Carlos Ruiz Zafón ist eine Art Popstar unter den Schriftstellern. Jede Buch-Neuvorstellung hat inzwischen Event-Charakter.


Sein 2003 in deutscher Übersetzung erschienener Roman "Der Schatten des Windes" wurde ein Weltbestseller, in mehr als 30 Sprachen übersetzt und mehr als 15 Millionen Mal verkauft. Es folgte 2008 die Fortsetzung „Das Spiel des Engels“ - eine bunte Mischung aus Abenteuerroman, Krimi, historischer Milieustudie von Barcelona und reichlich Anleihen aus der Literaturgeschichte. Und zum Ende des dritten historischen Barcelona-Romans „Der Gefangene des Himmels“ (2012) hatte der 52-jährige Ruiz Zafón schon neugierig gemacht auf den nun vorliegenden vierten Band. Da begab sich Daniel Sempere mit Frau und Sohn zum Grab seiner Mutter, wo ein Gipsengel zerbrach und ein Zettel zum Vorschein kam, auf dem der Aufenthaltsort des ehemaligen Franco-Ministers und brutalen Gefängnisdirektors Maurice Valls vermerkt war. „Er weiß, dass die Geschichte, seine Geschichte, noch nicht zu Ende ist. Sie hat gerade erst angefangen", hatte Daniel Sempere am Ende des Vorgängerromans verkündet und damit die Fortsetzung eingeläutet.
Wir begegnen neben Daniel Sempere und seiner Familie vielen schon hinlänglich bekannten Figuren, dem redseligen Intellektuellen Fermín Romero oder dem labilen Schriftsteller David Martin.

Mal Engel, mal Dämonin
Neu aus dem Hut gezaubert hat Ruiz Zafón die weibliche Hauptfigur des Romans - die äußerst begabte, aber geheimnisvoll gezeichnete Ermittlerin Alicia Gris, die mal als Engel, mal als Dämonin daher kommt und der einst von Fermín Romero das Leben gerettet worden ist. Alicia soll nun gemeinsam mit ihrem Kollegen Vargas Francos ehemaligen Innenminister Valls aufspüren. Die heißeste Spur liefert ein geheimnisvolles Buch aus der Serie "Das Labyrinth der Lichter" von Victor Mataix, einem ehemaligen Insassen des berüchtigten Franco-Gefängnisses Montjuic.
„Wo immer man beginnt, durch welche der vier Türen man auch tritt, wird man eine eigene Welt vorfinden“, hatte Carlos Ruiz Zafón über die Zusammenhänge in seinen historischen Barcelona-Romanen erklärt. Wieder spielt der spanische Bürgerkrieg eine zentrale Rolle, und erneut dreht sich alles um den „Friedhof der vergessenen Bücher“. Die komplizierte spanische Geschichte wird glatt gekämmt, Heldenfiguren werden geschnitzt und Bösewichter dagegen gestellt . Barcelona muss offensichtlich von Dämonen befreit werden, die Düsternis liegt zentnerschwer über der katalanischen Metropole, die eigentlich von der Sonne reichlich verwöhnt ist. Kreuz und quer durch Vergangenheit und Gegenwart werden Handlungsfäden geflochten, patinaüberzogene Legenden auf Hochglanz-Zeitgeistniveau poliert, und das Labyrinth wird so auch zum erzählerischen Prinzip.
Das Geheimnis um den ehemaligen Franco-Minister Valls wird – wie nicht anders zu erwarten – nach manchmal arg langatmigen über 900 Seiten am Ende auch gelüftet.
"Immer wirft man mir vor, ich wiederhole mich. Das ist eine Krankheit, die alle Romanciers befällt“, hatte Carlos Ruiz Zafón jüngst mit einer gehörigen Portion Koketterie erklärt.
Wenn man erst einmal einen singulären (dazu noch überaus erfolgreichen) Sound gefunden hat, dann ist die Versuchung groß, sich dieses Erfolgsrezepts immer wieder zu bedienen. Das ist legitim und allzu menschlich – in der Musik nicht anders als in der Literatur. Daher sollten wir Carlos Ruiz Zafón nicht wirklich böse sein, dass er uns dreimal mit mehr oder weniger geschickten Remakes von „Die Schatten des Windes“ beglückt und auch ein wenig in die Irre geführt hat.


Carlos Ruiz Zafón: Das Labyrinth der Lichter. Roman. Aus dem Spanischen von Peter Schwaar. S. Fischer Verlag, Frankfurt 2017, 939 Seiten, 25 Euro
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