Die Entdeckung des Kaugummis

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Uwe Timms opulenter Roman „Ikarien“




„Ich bin überzeugt, dass wir in unserer Seele einen besonderen Teil haben, der einem anderen vorbehalten ist. Dort sehen wir die Idee unserer anderen Hälfte, wir suchen nach dem Vollkommenen im anderen“, erklärte der männliche Protagonist Eschenbach in Uwe Timms letztem Roman „Vogelweide“ (2013).


Um dunkle und helle Sphären im Menschen, um kaum erklärbare Ambivalenzen und Berührungspunkte zwischen Gut und Böse geht es auch im neuen Roman des inzwischen 77-jährigen Autors Uwe Timm, der seine größten Erfolge mit seinem Jugendbuch „Rennschwein Rudi Rüssel“ und mit dem in zwanzig Sprachen übersetzten Roman „Die Entdeckung der Currywurst“ (1993) gefeiert hat. Wie in diesem Erfolgsroman ist auch „Ikarien“ in der unmittelbaren Nachkriegszeit angesiedelt, in der sogenannten „Stunde Null“, in der in Deutschland eine nebulöse Stimmung herrschte. Die Jungen fühlten sich befreit und steckten voller Elan für einen Neuanfang, während die Väter-Generation missgelaunt mit der Niederlage zu kämpfen hatte.
Mit dieser politisch-emotionalen Gemengelage sieht sich der Protagonist Michael Hansen konfrontiert, ein aus Hamburg-Eppendorf stammender US-Offizier, der im Auftrag der amerikanischen Regierung Forschungsergebnisse des Eugenikers Alfred Ploetz aufspüren soll.
Jener Ploetz, der von Hitler zum Professor ernannt worden war, gilt als geistiger Vater der NS-Rassenhygiene, als streitbarer Fachmann für Reproduktionsmedizin. Uwe Timm nähert sich retrospektiv dem Leben und den kruden Theorien des Wissenschaftlers. Dieser Ploetz hatte sich vor dem Ersten Weltkrieg zu Forschungszwecken in den USA aufgehalten und war erschüttert vom Grad der „Unzivilisiertheit“ der amerikanischen Gesellschaft: "Es muss eine biologische Revolution geben, die muss die soziale ergänzen!" Bis zu seinem Tod im Jahr 1940 hatte Ploetz in seinen Untersuchungen mit Kaninchen den Einfluss von Alkohol auf das Erbgut beweisen wollen.
Der US-Offizier Hansen begibt sich in der ihm fremd gewordenen alten Heimat auf seinen Recherchen tief in den Dschungel unmenschlichen Denkens, stößt dabei immer wieder auf geradezu barbarisch klingendes Vokabular wie „Brutpflege“, bewusste Gattenwahl“, „westarischer Langschädel“ und „Aufzucht einer nordischen Rasse.“
Bei seiner Arbeit trifft Hansen, der etliche Affären mit deutschen „Fräuleins“ unterhält, auf den ehemaligen KZ-Insassen Wagner, der einst mit Ploetz – trotz total unterschiedlicher politischer Gesinnung - befreundet war.

„Voyage en Icarie“
Wagner, der das Kriegsende im Kellerversteck einer Buchhandlung mit der Lektüre von Arnold Zweig erlebt hat, berichtet dem US-Offizier von seiner Freundschaft mit Ploetz und den früheren gemeinsamen Idealen, die auf den französischen Romancier und Sozialrevolutionär Étienne Cabet (1788-1856) zurück gingen, der in seinem Roman „Voyage en Icarie“ die Utopie einer Gesellschaft entwarf, in der alle Individuen gleich sein sollten.
Die Grenzen zwischen Rechts und Links, zwischen Rassenwahn und idealistischem Weltverbesserungseifer, zwischen rigider Selektion und sozialromantischem Gleichheitsstreben werden fließend. Gut und Böse lagen in der Freundschaft zwischen Wagner und Ploetz nur einige Zoll auseinander.
Der freundliche Hansen, der fleißig amerikanisches Kaugummi verteilt, sucht bisweilen in einer Art Galgenhumor Zuflucht, als er befindet: "Die Bewegung der Kaumuskulatur verbessert die Blutversorgung des Kopfes und damit die Sauerstoffzufuhr des Gehirns. Also eine Verbesserung im Denken, und das ganz ohne Zucht und Züchtigung."
Hier und da wirkt Uwe Timms unermüdliches, erzählerisches Abarbeiten der politisch-philosophischen Theorien ermüdend und geht auch deutlich zu Lasten der Lesbarkeit.
Das Ende dieses ausufernden, äußerst sperrigen Romans, bleibt offen. Kehrt Hansen in die USA zurück, oder bleibt er im fast völlig zerstörten Land, das er mit seinen Eltern im Teenager-Alter verlassen hat?
In „Ikarien“ hat Uwe Timm drei höchst unterschiedliche Lebenswege miteinander verflochten, uns die gemeinsamen Berührungspunkte nahe gebracht und gezeigt, wie sich Biografien auseinander entwickeln und wie gemeinsame Ideale pervertiert werden können.
Kein Buch für zartbesaitete Gemüter, sondern ein dicker Brocken, der viel Kraft und Ausdauer erfordert, der nicht nur gelesen, sondern auch bezwungen werden muss.

Uwe Timm: Ikarien. Roman. Kiepenheuer und Witsch Verlag, Köln 2017, 506 Seiten, 24 Euro
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