Die gefälschte Biografie

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Javier Cercas' Roman „Der falsche Überlebende“



„Marco ist doch wie für dich gemacht! Du musst über ihn schreiben!“ Mit diesen Worten hat Nobelpreisträger Mario Vargas Llosa während eines Abendessens in Madrid seinem spanischen Kollegen Javier Cercas einen „Stoff“ ans Herz gelegt, der 2005 in der spanischen Öffentlichkeit für einen Skandal gesorgt hatte.


Der kaum bekannte Wissenschaftler Benito Bermejo hatte ein biografisches Lügengebilde zum Einsturz gebracht und einen vermeintlichen KZ-Insassen und Widerstandskämpfer als skrupellosen Lügner enttarnt.

„Ich weigerte mich mehr als sieben Jahre lang, dieses Buch zu schreiben“, gibt Javier Cercas in seinem neuen Roman („ohne Fiktion“) Auskunft über seine Vorbehalte. Spätestens mit seinem Roman „Anatomie eines Augenblicks“, den die wichtigste spanische Tageszeitung „El Pais“ 2009 zum Buch des Jahres kürte, hat der 55-jährige Javier Cercas auch außerhalb Spaniens den Durchbruch geschafft.
Der im katalanischen Girona lebende Autor widmet sich dem Leben des heute 96-jährigen Enric Marco, einem in Barcelona geborenen Mechaniker, der sich irgendwann einen falschen Lebensweg aneignete, sich als Widerstandskämpfer gegen Franco feiern ließ, 1978 eine Autobiografie unter dem Titel „Memorias del infierno“ (dt.: Erinnerungen an die Hölle) veröffentlichte und als Generalsekretär die Geschicke einer großen Gewerkschaft bestimmte.

Rede im spanischen Parlament
Er hielt (auch in seiner Funktion als Präsident der „Amical de Mauthausen“) Vorträge, gab Interviews, verfasste Aufsätze für angesehene Zeitungen, und seine Rede am 27. Januar 2005 im spanischen Parlament (zum ersten Mal wurde dort dem Holocaust gedacht) wurde beinahe unisono als „bewegend“ bezeichnet. Wenig später war Schluss mit der Spuk-Biografie.
Noch nach seiner Enttarnung hat Marco sein Handeln damit gerechtfertigt, dass er den KZ-Insassen (Getöteten wie Überlebenden) eine Stimme verliehen habe. Autor Javier Cercas versucht, an den wirklichen Marco heranzukommen, sich vorurteilsfrei seinen Beweggründen zu nähern. Der „Betrüger“ habe eigentlich nichts anderes getan als öffentliche Erwartungen zu erfüllen, in der spanischen Nach-Franco-Ära so etwas wie ein moralisches Gewissen zu spielen.
Der erzählte „Stoff“ basiert weitestgehend auf überlieferten historischen Fakten, dennoch lesen wir keine punktgenaue Nacherzählung, sondern haben es mit einer literarischen Mischform aus „Dichtung und Wahrheit“ zu tun. Enric Marco hat als Cercas' Interviewpartner indirekt am Buch mitgewirkt und hat dem Autor überdies sein privates Archiv zur Verfügung gestellt. Und auch Cercas' eigene Stimme ist immer wieder deutlich vernehmbar in dem gigantischen Erzählkonvolut.
Javier Cercas' „Der falsche Überlebende“ kann längst nicht alle Fragen beantworten. Was hat Enric Marco umgetrieben? War es der Wunsch, gehört zu werden, im Rampenlicht zu stehen, ja vielleicht sogar bewundert zu werden?
Und wie konnte dieses Lügengebäude über einen Zeitraum von fast dreißig Jahren funktionieren? Wieso ist ihm die gesamte spanische Öffentlichkeit so auf den Leim gegangen? Selbst als er von Gaskammern im Konzentrationslager Flossenbürg berichtete, die es dort nie gab, weckte dies keinerlei Misstrauen.
Die bitter-süße Erkenntnis aus Javier Cercas' opulenter historischer Erzählung: Eine Lüge funktioniert offenbar nur dann, wenn in ihr ganz viel Wahrheit enthalten ist. Selten begegnet man einem Protagonisten, der so ambivalente Gefühle ausgelöst hat. Das Wissen darum, dass es sich um eine reale Figur handelt, macht die Zwiespälte umso größer.
„Zu fragen bin ich da, nicht zu antworten“, hat einmal der norwegische Dramatiker Henrik Ibsen sein Credo beschrieben. Viele offene Fragen bleiben auch nach der Lektüre von Javier Cercas' „Der falsche Überlebende“ zurück. Und trotzdem sollten wir dem Autor dafür dankbar sein.

Javier Cercas: Der falsche Überlebende. Roman. Aus dem Spanischen von Peter Kultzen. S. Fischer Verlag, Frankfurt 2017, 492 Seiten, 24 Euro
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