Die Stadt als Symphonie

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"Mogador" - der neue Roman von Georg-Büchner-Preisträger Martin Mosebach



Martin Mosebach gehört nicht zu den schrillen Stimmen im deutschsprachigen Literaturbetrieb. Der 65-jährige Frankfurter pflegt einen leicht altbackenen, detailverliebten Erzählstil und kokettiert überdies gern mit dem ihm verliehenen Attribut des "Erzkonservativen". Als "genialer Formspieler auf allen Feldern der Literatur" wurde er 2007 gepriesen, als ihm der Georg-Büchner-Preis verliehen wurde.


Er ist viel gereist und pflegt seit langem ein Faible für ferne, leicht exotisch anmutende Romanschauplätze. In seinem neuen Roman nimmt er uns mit auf die Reise in die Hafenstadt Essaouira, 300 Kilometer südlich von Casablanca gelegen, die bis zur marokkanischen Unabhängigkeit Mogador hieß. Der Protagonist Patrick Elff, ein erfolgreicher Investmentbanker aus Düsseldorf, ist Hals über Kopf dorthin geflüchtet, nachdem er in seiner Abteilung illegale "Umleitungen" entdeckt und diese nicht umgehend angezeigt hat. Ein Kollege, der 13 Millionen Euro beiseite geschafft hat, machte ihm gar ein verlockendes Angebot. Elffs Aufgabe im Unternehmen war es, Risiken aufzuspüren und Geldflüsse zu kontrollieren. Er hatte versagt. Doch es kommt noch schlimmer, jener Kollege namens Filter wird erhängt in seiner Wohnung aufgefunden, und die Polizei stößt bei ihren Ermittlungen auch auf das riesige Vermögen.
Patrick Elff beschließt, aufzubrechen, auszusteigen, einfach abzuhauen. Nur mit seinem Pass und etwas Bargeld reist er nach Marokko, wo er auf die Unterstützung des steinreichen Pereira hofft, dem er einst geholfen hatte, eine größere Summe Bestechungsgeld nach Osteuropa zu transferieren und bei dem er einen "Wunsch frei hat".
Er lässt seine aus vermögendem Elternhaus stammende und als Maklerin äußerst erfolgreiche Ehefrau Pilar ohne Nachricht zurück und taucht in die orientalische Welt ein. Es beginnt ein zweiwöchiger Streifzug durch eine Stadt der absoluten Gegensätze. Arm und Reich, Prunk und Verfall, Analphabeten und Akademiker - alles liegt hier nur eine Handbreit auseinander.

Kadija, die Frau als Strippenzieherin
Elff landet in einer Absteige, bekommt ein spartanisches Zimmer zugewiesen, niemand fragt nach dem Pass, er wird "Monsieur Paris" genannt. In dieser schäbigen Bleibe begegnet der geflüchtete Banker der zweiten Hauptfigur des Romans, der von Mosebach äußerst detailliert beschriebenen Kadija - eine verwegene Mischung aus Hure und Heiliger, aus Magierin und Betrügerin, Scharlatanin und Heilerin.
Kadija hat zwei Ehemänner verloren, die beide als Fischer gearbeitet hatten, und ist von dem großen (für die islamische Welt kaum vorstellbaren) Wunsch nach einem selbstbestimmten, unabhängigen Leben beseelt. Sie pflegt beste Kontakte zu Geschäftsleuten, Politikern und zur Polizeispitze.
Bei Martin Mosebach dreht sich viel um Dämonie, um den Zauber der Fremdheit und um Religionsgeschichte. Der Autor führt uns durch eine fremde Welt, in der die Regeln mit dem Herz und mit einem gewissen Instinkt erlernt werden. Der Blick wird "geschärft", es liest sich wie eine Schulung des Sehens, des peniblen Beobachtens. In Mogador fühlt man sich entschleunigt. "Wenn man in Marokko nicht die Geduld lernte, wo sonst?" Der Protagonist erlebt die "Stadt als Symphonie, als Zusammenklang vieler Melodien über einem Basso ostinato".
Das ist von Mosebach psychologisch reizvoll konstruiert. Irgendwann gab es für den (zumindest als Mitwisser) in die dubiosen Geldgeschäfte involvierten Patrick Elff nur noch die Flucht, das Untertauchen im Schutz der marokkanischen Anonymität. Aber war es das, was er suchte?

Exotisch und rätselhaft
Trotz dieser überwältigenden Eindrücke, die auf den geflohenen Banker einwirkten, kehrt dieser (anscheinend völlig unverändert, geschweige denn in irgendeiner Weise geläutert) nach Deutschland zurück. Seine Frau empfängt ihn (mit einem Polizeibeamten im Schlepptau) mit der frohen Nachricht, dass sie schwanger sei. Das ist fast schon der Glückseligkeit zuviel.
Man muss den Orient nicht lieben, man muss auch Martin Mosebachs unentwegtes Kokettieren mit dem ihm verliehenen Attribut des "Erzkonservativen" nicht mögen, es lassen sich gewiss auch reichlich Vorbehalte gegen den Protagonisten und die Handlungsstringenz äußern, und doch wird man sich des Zaubers kaum entziehen können, der von diesem leisen, verschlungenen, so herrlich detailreichen Erzählfluss ausgeht.
Der Roman "Mogador" bleibt rätselhaft wie die exotische Stadt, eine Herausforderung auf höchstem künstlerischen Niveau.

Martin Mosebach: Mogador. Roman. Rowohlt Verlag, Reinbek 2016, 367 Seiten, 22,95 Euro
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