Eine Figur für das Museum

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Christoph Heins Roman „Glückskind mit Vater“



Christoph Heins Romanfiguren verbindet eine liebenswürdige Dickköpfigkeit. Von der Ärztin Claudia aus „Der fremde Freund“ (1982) bis hin zum Kulturwissenschaftler Rüdiger Stolzenburg in „Weiskerns Nachlass“ (2011) waren sie alle ein wenig eigenwillig, manchmal störrisch und introvertiert und bisweilen sogar etwas rebellisch.



Nun präsentiert uns der 71-jährige Christoph Hein, der von 1998 bis 2000 dem gesamtdeutschen PEN-Club vorstand und uns mit „Willenbrock“ (2000) und „Landnahme“ (2004) zwei der präzisesten Nachwenderomane vorgelegt hat, einen Protagonisten, dem die Makellosigkeit auf der Stirn geschrieben steht - eine politisch-moralisch so integre Figur, die für jeden Orden oder Verdienstmedaille taugen würde, die sich aber wegen ihrer Untadeligkeit und Geradlinigkeit im Laufe eines halben Jahrhunderts irgendwie stets auf der Seite der Verlierer bewegte.
Jener Konstantin Boggosch, der kurz nach Kriegsende in der sowjetischen Besatzungszone als Sohn eines von den Polen hingerichteten hohen NS-Funktionärs und Industriellen geboren wurde, hat Zeit seines Lebens gegen den Schatten seines Vaters zu kämpfen. Selbst der Wechsel des Namens, Konstantins Mutter hatte für sich und ihre beiden Söhne ihren Mädchennamen wieder angenommen, bietet keinen Schutz.
Konstantin ist alles andere als ein „Glückskind“, sein aufregender Lebensweg, den wir über mehr als ein halbes Jahrhundert verfolgen, bietet ihm hier und da kleine Oasen der Zuflucht, aber insgesamt bleiben ihm (bedingt durch das Erbe seines Vaters) die meisten Türen verschlossen. Als Jugendlicher reißt er aus und will in Marseille in der Fremdenlegion anheuern. Nach der Absage landet er in einem Kreis gebildeter, hoch anständiger, ehemaliger Résistance-Mitglieder, die ihn freundschaftlich aufnehmen, fördern, ihm den Schulbesuch ermöglichen und ihn mit den Anfängen der „Nouvelle Vague“ bekannt machen.
Ist es die Sehnsucht nach der Mutter oder das durch seines Vaters Untaten ausgelöste schlechte Gewissen gegenüber seinen Mentoren? Jedenfalls kehrt Konstantin zurück nach Deutschland - genau in jener Phase, als die SED Mauer und Grenzzäune errichten ließ und das politische Klima in beiden Teilen Deutschlands frostiger denn je wurde. Keine vielversprechende Zeit für den Sohn eines NS-Verbrechers in der DDR.

Alle Türen verschlossen
Überall, wo er auftaucht, sind die Akten über die Verbrechen seines Vaters schon gegenwärtig. Der Besuch der Oberschule bleibt ihm ebenso verwehrt, wie die staatliche Förderung als talentierter Leistungssportler oder das Studium an der Filmhochschule in Babelsberg. Er trägt die Schuld seines Vaters wie eine dauerhafte Tätowierung am eigenen Körper mit sich herum. Und seine Hoffnung, "dass dieses Unheil wie eine dunkle Wolke irgendwann sich auflösen und verschwinden würde“, erweist sich als trügerisch.
Konstantin Boggosch muss sich mit der „väterlichen Erblast“ arrangieren, er wird dennoch später Rektor eines Gymnasiums in der Provinz, bleibt aber ein Mensch, der an seiner gebrochenen Biografie unendlich leidet. Er verschweigt selbst seiner Ehefrau die „Familiengeschichte“. Ein „Nachgeborener“, der zwischen die Mühlsteine der Geschichte geraten ist und der sich nur einmal (unbewusst) als Held entpuppte. „Du warst mein Glückskind, Junge, denn da ich mit dir hochschwanger war, wagte der russische Offizier nicht, mich abführen zu lassen“, berichtete seine Mutter.
Auch sie ist eine Verliererin der „Geschichte“. Die gebildete, mehrsprachige Frau war einst vom Vater zur „Vorzeigefrau“ degradiert worden und hat sich nach dem Krieg als Putzfrau über Wasser gehalten. Umso schmerzlicher für Konstantin, dass er mitansehen muss, wie sein älterer Bruder Gunthardt, der sich nach der 1990er Wende einen Teil des „belasteten“ Familienerbes zurückholt, die Mutter in den Keller abschiebt, wo sie später „am Herzversagen der anderen“ stirbt.
Christoph Hein, der es schon in den 1980er Jahren zu respektablem Ruhm in beiden Teilen Deutschlands gebracht hat, erzählt hier zwar eine ereignisreiche, ja auch aufwühlende deutsch-deutsche „Geschichte“, aber die Romanhandlung droht dennoch unter der Faktenfülle zusammenzubrechen.

Figur seltsam wächsern
Boggosch bleibt seltsam wächsern, emotionslos wie eine Figur in Madame Tussauds Kabinett. Man bestaunt sie respektvoll, spürt aber sehr wohl, dass es sich um eine Nachbildung handelt – eben eine Figur ohne Atem und Pulsschlag. Und so ähnlich haben wir auch Boggosch während der mehr als 500-seitigen Lektüre erlebt – als bewunderungswürdiges Ausstellungsexponat für ein deutsches Museum des 20. Jahrhunderts.

Christoph Hein: Glückskind mit Vater. Roman. Suhrkamp Verlag, Berlin 2016, 527 Seiten, 22,95 Euro
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