Eine Marke geworden

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Zum 85. Geburtstag von Literatur-Nobelpreisträger Imre Kertész am 9. November

Mit zunehmendem Alter wird Imre Kertész immer selbstkritischer. Er sei „eine Aktiengesellschaft, eine Marke“ geworden, hadert der Nobelpreisträger von 2002 mit sich selbst. „Ich wollte nie ein großer Schriftsteller werden, ich wollte immer nur verstehen, warum die Menschen so sind.“ Literatur interessiere ihn eigentlich gar nicht mehr, erklärte der in seine Heimatstadt Budapest zurück gekehrte, seit einigen Jahren an Parkinson leidende Schriftsteller in einem „Zeit“-Interview.

Seine nach der Nobelpreisverleihung enorm gewachsene Popularität genoss Kertész, der viele Jahre in Berlin lebte, in vollen Zügen und kam vielen internationalen Einladungen nach. So war er u.a. 2007 Gastredner bei der Auschwitz-Gedenkstunde im Deutschen Bundestag. Kertész hielt keine politische Rede, sondern las vor den damals überraschten Abgeordneten aus seinem Roman „Kaddisch für ein nicht geborenes Kind“.
„Kertész beschreibt in seinem Werk die Zerbrechlichkeit des Einzelnen in einem barbarischen Geschichtsverlauf“, hieß es 2002 (absolut zutreffend) in der Begründung des Stockholmer Nobelpreiskomitees. Der ungarische Schriftsteller ist immer ein querdenkender Individualist gewesen, der sich - weder literarisch noch politisch - in die gängigen „Schubladen“-Kategorien einordnen lässt. Er hat sich als ehemaliger KZ-Häftling stets vehement gegen den „widerwärtigen Stempel des Opfers“ gewehrt und immer wieder beharrlich seine ureigene Form des intellektuellen Nonkonformismus verteidigt: „Ich bin ein anderer Jude. Was für einer? Ein Keinerlei-Jude. Schon seit langem suche ich weder Heimat noch Identität. Ich bin anders.“

Deutsche Übersetzung 20 Jahre später
Kertész' „geistige Heimat“ liegt in der Literatur. Spätestens seit dem Erfolg seines „Roman eines Schicksallosen“ (dt. 1996, Rowohlt) wird sein Name in der ersten Garnitur der europäischen Romanciers geführt. Erst zwanzig Jahre nach der Erstveröffentlichung in Ungarn erschien dieser erschütternde Auschwitz-Roman, mit dessen Niederschrift der Autor schon 1960 begonnen hatte, in deutscher Übersetzung. Ein Thema, das ihn zeitlebens beschäftigt hat: „Gegen mich wird vorgebracht, ich schriebe nur über ein einziges Thema (nämlich Auschwitz) und sei somit nicht repräsentativ für Ungarn.“
Imre Kertész (am 9. November 1929 in Budapest geboren) wurde 1944 von den Nazis deportiert, überlebte die Konzentrationslager Buchenwald und Auschwitz, machte nach seiner Rückkehr nach Budapest 1948 sein Abitur und arbeitete dann als Journalist bei der später von den Kommunisten übernommenen Tageszeitung „Világosság“. Seine ersten künstlerischen Gehversuche machte Kertész als Textschreiber für Musicals, dann begann er Romane, Erzählungen, Essays und Theaterstücke zu schreiben und machte sich überdies als Übersetzer von Friedrich Nietzsche, Sigmund Freud, Hugo von Hofmannsthal, Elias Canetti, Joseph Roth und Ludwig Wittgenstein rasch einen Namen.
Im Mittelpunkt seines literarischen Werks steht die Trilogie, die Kertész mit dem „Roman eines Schicksallosen“ (1975) eröffnete und mit den Romanen „Fiasko“ (1988) und „Kaddisch für ein nichtgeborenes Kind“ (1989) fortsetzte. Der Zeitzeuge des Grauens vermeidet es, allzu stark aus dem Blickwinkel der Opfer zu schreiben, sondern bevorzugt als Erzählperspektive eine Art höhere moralische Instanz - inspiriert von einem ideologiefreien Humanismus.
Zuletzt ist im Suhrkamp Verlag der schmale Roman „Liquidation“ (2003) erschienen. Darin steht - man darf autobiografische Parallelen vermuten - ein ungarischer Intellektueller im Zentrum, der mit dem Verlust der alten politischen Strukturen (der Fall des „Eisernen Vorhangs“) auch die Bodenhaftung im Alltag verliert.

Ein großes Werk wie ein Puzzle
Imre Kertész' Bücher eignen sich ganz und gar nicht für die schnelle Lektüre zwischendurch, denn sie stecken voller hintergründiger Anspielungen, listenreicher Verschachtelungen und nur mäßig getarnter Querverweise auf frühere Werke. „Fiasko“ zu lesen, ohne den „Roman eines Schicksallosen“ zu kennen, dürfte ein schwieriges Unterfangen sein, denn Kertész' Gesamtwerk kommt wie ein gigantisches Puzzle daher. Fehlt ein Mosaiksteinchen, fügt sich der Rest nicht zu einer harmonischen Einheit.
Zuletzt sind 2009 Kertész' aufschlussreiche Briefe an die Schweizer Journalistin Eva Haldimann, in denen es vor allem um die ungarischen Befindlichkeiten nach der politischen Wende von 1989 geht, und sein Tagebuchband „Letzte Einkehr“ (2013) bei Rowohlt erschienen.

Imre Kertész: Letzte Einkehr. Tagebuch. Rowohlt Verlag, Reinbek 2013, 464 Seiten, 24,99 Euro
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