Ende eines Diktators

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Alberto Barrera Tyszkas großartiger Roman „Die letzten Tage des Comandante“



Es kommt nicht mehr allzu häufig vor, dass man auf dem von Werbekampagnen durchgestylten Literaturmarkt noch „wertvolle“ Perlen entdecken kann. Eine solche liegt nun mit dem Roman „Die letzten Tage des Comandante“ aus der Feder des venezolanischen Autors Alberto Barrera Tyszka vor. Der 57-jährige Schriftsteller liefert nicht nur ein eindrucksvolles und unpathetisches Panorama seines im gesellschaftlichen Wandel befindlichen Heimatlandes, sondern zeichnet auch den schleichenden Krebstod des langjährigen Präsidenten (1999-2013) Hugo Chávez nach.


Barrera Tyszka zeigt mit Hilfe weniger Figuren, wie stark Chávez das Land geprägt, wie er mit seiner marxistisch orientierten Politik polarisiert und tiefe Gräben durch Familien gezogen hat. Im Mittelpunkt der Handlung steht der pensionierte Onkologe Miguel Sanabria, ein eher unpolitischer Zeitgenosse, der Chávez verhalten-reserviert gegenüber steht. Im Gegensatz zu seiner Ehefrau Beatriz, die kein gutes Haar am Commandante und dessen castro-affiner Politik lässt. Miguels Bruder Antonio ist dagegen ein glühender Chávez-Anhänger. In der misslichsten Situation befindet sich Antonios Sohn Vladimir, der beratend im Präsidenten-Stab tätig ist und aus nächster Nähe das Fortschreiten der Krebserkrankung miterlebt. Er weiß um die Lügen, die der Öffentlichkeit präsentiert werden, wie Chávez' ungebrochene Vitalität in den staatlich kontrollierten Medien verkündet wird, während der Politiker in Kuba, wo er sich von russischen Spezialisten behandeln ließ, schon mit dem Tod kämpft.

Zwischen Volksheld und Despot
Der Autor verknüpft gekonnt etliche Anekdoten zu einem dichten Handlungsteppich. Er berichtet über Chávez militärische Wurzeln, wie er als junger Fallschirmspringer effektvoll inszeniert bei einer Miss-Wahl landete und wie er auch in fortgeschrittenem Alter – in einer verwegenen Mischung aus Borniertheit und Naivität – das Militär geradezu hymnisch pries: „Ich glaube nicht an eine Partei, auch nicht an meine eigene. Ich glaube an das Militär, dort wurde ich der, der ich bin.“ Für die einen war er der sozialistische Held, der den Ärmsten des Landes eine einigermaßen lebenswerte Existenz bescherte, für die anderen war er ein totalitärer Despot.
Die Stimmungslage in diesem Roman changiert stets zwischen überbordender Lebensfreude und quälenden Zukunftsängsten. Dem Autor gelingt es vorzüglich, die Zerrissenheit der venezolanischen Gesellschaft einzufangen und darüber hinaus auch noch eine bewegende Chronik eines körperlichen Verfalls, des erfolglosen Kampfes gegen den Krebs vorzulegen.
En passant hat Barrera Tyszka auch noch einige krimiähnliche Spannungspunkte gesetzt. Vladimir Sanabria, der Mitarbeiter im Chávez-Beraterteam, hütet in einer alten Zigarrenkiste ein kleines Geheimnis. Darin liegt ein Handy, auf dem zwei Videodateien enthalten sind. Die Kiste vertraut Vladimir seinem Onkel Miguel an, der sie – je nachdem, was in der Zukunft geschieht - an die amerikanische Journalistin Madeleine weiterreichen soll.
Der pensionierte Krebsspezialist schaut sich heimlich die Handy-Videos an und sieht eine Botschaft des vom nahen Tod gezeichneten Chávez aus Kuba. Weinend und verzweifelt, der Volksheld ist geschrumpft auf das Format eines „Normalos“. Wer anders als der Onkologe Miguel könnte es erklären: „Chávez hat Krebs.“
Miguel will nach Chávez' Tod nichts mehr mit der Abschiedsbotschaft zu tun haben und steckt das Handy mit der Videodatei wahllos in einen Rucksack, mit dem später zwei Teenager verschwinden. Das Ende des Romans ist so offen wie die Zukunft Venezuelas. Sanabria und die Journalistin sitzen vor dem TV und sehen Bilder des Trauerzugs. Dazu wird die Nationalhymne eingespielt – gesungen vom Comandante persönlich. „Was machen wir dann? Wo gehen wir hin?“
Alberto Barrera Tyszkas Roman bewegt sich künstlerisch auf den Spuren von Gabriel Garcia Márquez. Er liefert Familienroman, politische Reportage, Gesellschaftspanorama und erzählerisch aufbereitete Fragmente aus der Vita eines umstrittenen Politikers. Lebendig und fesselnd geschrieben. Das muss man einfach lesen.

Alberto Barrera Tyszka: Die letzten Tage des Comandante. Roman. Aus dem Spanischen von Matthias Strobel. Nagel und Kimche Verlag, München 2016, 250 Seiten, 22 Euro.
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