Große Flatter und Holunderzeit

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Zum 90. Geburtstag der Schriftstellerin Leonie Ossowski am 15. August*


Selbst intime Kenner der Literaturszene werden mit dem Namen Jolanthe von Brandenstein nichts anfangen können. Aus dem Adelsfräulein aus Niederschlesien, das sich nach Kriegsende als Fabrikarbeiterin, Fotolaborantin und Verkäuferin durchschlug, ist später die erfolgreiche Schriftstellerin Leonie Ossowski geworden, die ihr Pseudonym aus Osowa Sien, dem heutigen Namen ihres Geburtsortes Röhrsdorf, abgeleitet hat.


Kaum jemand hat von ihren frühen Romanen "Stern ohne Himmel" (1958) oder "Wer hat Angst vor dem schwarzen Mann" Notiz genommen. Der literarische Durchbruch gelang der einstigen Internatsschülerin ("Schule, Bildung - das alles habe ich abgelehnt") erst, als sie ihre Erfahrungen als Bewährungshelferin in dem 1974 erschienenen Band "Weckels Angst" dokumentierte. Drei Jahre später folgte der erfolgreich verfilmte (mit dem Adolf-Grimme-Preis ausgezeichnete) Kult-Jugendroman "Die große Flatter", der ihr gleichzeitig respektablen kommerziellen Erfolg und das Attribut "literarische Sozialtante" einbrachte.
Auch hochrangige Auszeichnungen wie der Schiller-Preis der Stadt Mannheim konnten nichts daran ändern, dass Leonie Ossowski mit der Literaturkritik immer auf Kriegsfuß stand. "Ich weiß, dass ich Unterhaltungsliteratur schreibe, aber eine sehr anspruchsvolle. Das ist ein Genre, das man bei uns in Deutschland nicht findet", erklärte die Mutter von sieben Kindern 1992 in einem Interview.

Große Erfolge mit Schlesien-Trilogie
Große Verkaufserfolge erzielte Leonie Ossowski auch mit ihrer Schlesien-Trilogie ("Weichselkirschen", "Wolfsbeeren" und "Holunderzeit"), in der viele Angehörige der älteren Generation ihr eigenes Schicksal als Heimatvertriebene nachempfanden. "Ich versuche, ein anderes Bild vom Älterwerden zu vermitteln", hatte die Autorin über ihren 2001 erschienenen Roman "Die Gegenwart" erklärt und dabei ein selbstbewusstes, aktives Auftreten im Sinn gehabt. Die Schauplätze vieler Romane sind unzweifelhaft Leonie Ossowskis eigenen Lebensstationen nachempfunden.

Auch in ihrer Wahlheimat Berlin, wo sie seit 1980 lebt, hat sie einen ihrer Romane angesiedelt. In "Die Maklerin" (1994) beschreibt sie das urbane Treiben und die beängstigende Anonymität in der wachsenden Metropole. Ein großer Wurf gelang Leonie Ossowski noch einmal mit "Herr Rudolfs Vermächtnis" (1997), einer Zank- und Ränkegeschichte um eine Erbengemeinschaft. Ein Thema, das sie - leicht variiert - noch einmal in ihrem letzten Roman "Der einarmige Engel" (2004) aufgenommen hat.
Ihre Romane präsentieren stets eine kurzweilige Mischung aus Literatur und Drehbuch. Kein Zufall, denn vor mehr als 50 Jahren hospitierte die Autorin bei der damaligen DDR-Filmgesellschaft DEFA.
Leonie Ossowski, die heute* in einem Berliner Altersheim fast erblindet („Schreiben und Lesen fehlt mir sehr“) ihren 90. Geburtstag feiert, hat immer versucht, gleichzeitig aufzuklären und spannend zu unterhalten. Die Verkaufszahlen belegten über viele Jahre, dass es doch eine Klientel für anspruchsvolle Unterhaltungsliteratur gibt. Mit Yoga und Gymnastik hält sich Leonie Ossowski heute täglich fit und freut sich darauf, dass in diesem Jahr ihre sieben Kinder, zwölf Enkel und fünf Urenkel alle zum Geburtstag kommen wollen.
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