Immer suchen ist nicht schön

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Zum 125. Geburtstag des Schriftstellers Kurt Tucholsky am 9. Januar

Kurz bevor er zusammen mit Henriette Vogel den Freitod suchte, schrieb Heinrich von Kleist seiner Schwester Ulrike: „Die Wahrheit ist, daß mir auf Erden nicht zu helfen war.“ So ähnlich muss sich auch Kurt Tucholsky gefühlt haben, als er am 19. Dezember 1935 im schwedischen Exil eine Überdosis eines Betäubungsmittels einnahm, an der er zwei Tage später verstarb. Seine Suche nach Heimat, sein Kampf gegen den Nationalsozialismus, seine unzähligen Warnungen - alles war vergeblich gewesen. Hinter der Fassade der nach außen so stark wirkenden Kämpfernatur hatte die Resignation gesiegt. Noch heute wirken viele politische Tucholsky-Texte aktueller denn je.



Kurt Tucholsky, der am 9. Januar 1890 als Sohn des jüdischen Kaufmann Alex Tucholsky im Berliner Stadtteil Moabit geboren wurde, zerbrach nicht allein an den politischen Umwälzungen seiner Zeit, am aufkommenden und sich später etablierenden Nationalsozialismus, sondern an seiner eigenen Ohnmacht, die Geschehnisse nicht beeinflussen zu können.
Schon 1922 notierte er in weiser Voraussicht: „Ich schreibe neben dem Leben her.“ In seinem Abschiedsbrief heißt es: „Der Grund, zu kämpfen, die Brücke, das innere Glied, die raison d'etre fehlt.“ Gerade 45 Jahre alt, schied der Romancier, der Kabarett- und Chansonautor, der Satiriker und Kritiker, der polemische politische Kommentator, promovierte Jurist und leidenschaftlich-agitatorische Pazifist Kurt Tucholsky freiwillig aus dem Leben. Wie kaum ein anderer hatte er Journalismus und Literatur miteinander verbunden.

Der Durchbruch mit "Rheinsberg"
Mit dem Roman „Rheinsberg“ (1912) schaffte Tucholsky schon in jungen Jahren den Durchbruch als Schriftsteller. Mit dem Beginn seines literarischen Ruhms setzte auch die journalistisch-essayistische Tätigkeit für die „Schaubühne“ (später „Weltbühne“), den „Simplicissimus und den sozialdemokratischen „Vorwärts“ ein. Unter diversen Pseudonymen, die selbst in die Literaturgeschichte eingingen (Theobald Tiger, Ignaz Wrobel, Peter Panther, Kaspar Hauser), schoss Tucholsky zumeist in der „Weltbühne“ seine verbalen Giftpfeile auf Justiz und Militär, auf Ebert und Stresemann, auf alles, „was in Deutschland faul und von Übel war und ist“ ab. Die Weimarer Republik, deren prominentester Dauerkritiker er war, versuchte Tucholsky als Fortsetzung des wilhelminischen Deutschlands mit demokratischem Antlitz zu „enttarnen“.
Liest man heute die beiden bekannten und viel verkauften Romane „Rheinsberg“ (1912) und „Schloß Gripsholm“ (1931), wirken sie auf seltsame Weise „kitschig“ und lassen sich nur schwer dem aufklärerischen Journalisten, politischen Mahner und scharfzüngigen Satiriker Tucholsky zuordnen. In „Rheinsberg“ flieht die Medizinstudentin Claire mit ihrem Freund Wolfgang aus der Monotonie des Berliner Großstadtlebens. Sie geben sich als Ehepaar Gambetta aus, machen eine Eisenbahnfahrt ins märkische Rheinsberg, besichtigen den Ort und vertreiben sich flanierend die Zeit. Im Roman „Schloß Gripsholm“ (1931) verbirgt sich zwischen den Zeilen schon die innere Zerrissenheit des Autors, das unmittelbare Nebeneinander von großbürgerlicher Vergnügungssucht und offener Barbarei. „Man ißt gut und trinkt gut, man liebt sich und freut sich“, heißt es, während gleichzeitig ein kleines Mädchen in einem kerkerähnlichen Kinderheim leben muss.

Keine Heimat gefunden
Bis 1929 lebte Tucholsky vorwiegend in Paris. Im Sommer des Jahres mietete er eine Villa im schwedischen Hindas, in der er ab Januar 1930 ständig lebte. Zurückgezogen, grübelnd und immer tiefer in Melancholie versinkend. Neben der politischen Entwicklung in Deutschland traf ihn vor allem die Trennung von seiner zweiten Frau Mary Gerold, die bis zu ihrem Tod im Oktober 1987 den literarischen Nachlass verwaltete.
Doch Tucholskys Sehnsucht nach einer neuen Heimat ging nicht in Erfüllung. Die schwedische Mentalität blieb ihm fremd. „Diese Leute denken so langsam, schwätzen aber sehr viel, und es ist alles ganz uninteressant, was sie sagen. Die Weiber aus Holz, die Männer aus Mehl, und alles zusammen aus Grütze.“ Am 22. Januar 1934 richtete er ein Schreiben an die schwedische Einwanderungsbehörde: „Ich habe den Wunsch, falls dies zulässig ist, die schwedische Staatsangehörigkeit zu erwerben.“ Die Antwort fiel negativ aus - ein neuerlicher Rückschlag.
Briefe schreibend zog sich Tucholsky mehr und mehr zurück in sein „Schloß Gripsholm“, seine Villa in Hindas. Im Sommer 1935 notierte er: „Immer suchen ist nicht schön. Man möchte auch mal nach Hause.“
Seine letzte öffentliche Einmischung war zwei Tage vor seinem Tod ein Brief an das Osloer Friedensnobelpreis-Kommitee, in dem er sich für die Vergabe des Preises an seinen Freund und Nachfolger als „Weltbühne“-Herausgeber, Carl von Ossietzky, einsetzte. So bleibt Tucholsky zurück als zerrissener, politisch wie geografisch heimatloser Pazifist – mehr als mahnender, kritischer Essayist und Journalist denn als großer Romancier oder Lyriker.
Sämtliche Werke von Tucholsky sind (viele auch in preiswerten Taschenbuchausgaben) im Rowohlt Verlag erhältlich.
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