Leuchtend wie ein Glühwürmchen

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Martin Suters Roman „Elefant“



„Hier hatte einer nicht in die Natur eingegriffen, um einen wissenschaftlichen Fortschritt zu erzielen, der Krankheiten heilen oder Leben retten sollte. Er hatte es getan, um eine Sensation zu erzeugen und damit womöglich ein Vermögen zu machen“, heißt es im neuen Roman des Schweizer Bestsellerautors Martin Suter.


Und der Eingriff in die Natur hat es tatsächlich in sich. Eines Morgens sieht der obdachlose Ex-Investmentbanker Fritz Schoch, als er in seinem Schlafsack am Limmatufer in Zürich erwacht, ein kleines rosafarbenes Tier. Schoch glaubt, seinen Augen nicht trauen zu können, wähnt sich zunächst noch im Alkoholrausch: „Es war ein winziger Elefant, höchstens vierzig Zentimeter lang und dreißig hoch.“ Die Obdachlosenszene von Zürich und den ungebremsten wissenschaftlichen Ehrgeiz der Genetiker stellt Martin Suter in seinem neuen, wieder einmal äußerst spannend inszenierten Roman gegenüber.
"Die Ideen kommen mir beim systematischen Denken, ich sitze nicht unter einem Feigenbaum und warte, bis mir eine Idee zufliegt. Es ist Arbeit", hat der Schweizer Erfolgsschriftsteller Martin Suter vor fünf Jahren in einem FAZ-Interview erklärt. Der heute 68-jährige Suter hatte erst mit knapp Fünfzig als Autor debütiert und seitdem große Erfolge gefeiert.
Die Spannung bezieht der neue Roman aus einer Art Verfolgungsjagd, die um den rosafarbenen, in der Dunkelheit leuchtenden Elefant entbrennt. Auf der einen Seite agiert der obdachlose Ex-Banker, der das Sabu genannte Tier liebgewonnen hat, sowie die engagierte Tierärztin Valerie und der burmesische Tierpfleger Kaung, der die Elefantensprache beherrscht und für den das Tier „heilig“ ist. Ihnen gegenüber steht der skrupellose Genetiker Roux, der „Schöpfer“ des seltsam anmutenden Tierchens, der „das Pigment von der Nase des Mandrillaffen und das Luziferin eines Glühwürmchens" vermischt hat. Rücksichtslose Abgesandte der chinesischen Gen-Mafia mischen ebenfalls kräftig mit.
Zehn Jahre hat Autor Martin Suter nach eigenem Bekunden mit diesem „Stoff“ gerungen – seit einer Begegnung mit dem renommierten Hirnforscher Mathias Jucker, der ihn schon damals für die Grenzenlosigkeit der Genetik und die damit verbundenen Risiken sensibilisierte.
Sabu, der leuchtende Mini-Elefant, landet zwischendurch in der Villa eines verstorbenen Millionärsehepaares. Dort wird er gehegt und gepflegt, und es kommt sogar zu einer Annäherung zwischen dem Obdachlosen Schoch und der Tierärztin Valerie.
Die Veterinärin stellt im weiteren Verlauf die Kardinalfrage des Romans: "Wie unethisch darf man zur Verhinderung von etwas Unethischem vorgehen?" Heiligt die gute Absicht tatsächlich jedes Mittel?
Es wird auf beiden Seiten mit harten Bandagen gekämpft. Als Leser hätte man auch auf den einen oder anderen Effekt verzichten können. Das wirkt schon jetzt im Roman filmreif inszeniert. Trotz aller Spannung und trotz des impliziten ernsten Sujets bleibt dieser Suter-Roman doch seltsam blass. Wahrscheinlich liegt es an der allzu starken Schwarz-Weiß-Malerei bei den Figuren. Der Obdachlose als Gutmensch, der illegal in der Schweiz lebende Tierpfleger als buddhistischer Elefantenversteher: Die Sympathiepunkte sind von der ersten Seite an klar verteilt. "Wenn es ihm gelang, patentierbare Tiere zu generieren, die nicht nur im Dunkeln leuchteten, sondern auch bei Tageslicht eine spektakuläre Farbe besaßen, war er in jeder Beziehung ein gemachter Mann", heißt es dagegen über den Genetiker Roux. Noch nie hat Martin Suter seinen Lesern bei der Lektüre so wenig Freiheit gelassen und (zumindest latent) klare moralische Regeln vorgegeben. Die suter-typische Leichtigkeit ist dadurch auf der Strecke geblieben.

Martin Suter: Elefant. Roman. Diogenes Verlag, Zürich 2017, 348 Seiten, 24 Euro

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