Mir geht es ein bisschen zu gut

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Martin Walsers Roman „Statt etwas oder Der letzte Rank“ erscheint am Donnerstag (5.)

Elf Wochen vor dem 90. Geburtstag des Grand Seigneurs der deutsch­sprachigen Gegenwartsliteratur erscheint nun der neue Roman „Statt etwas oder Der letzte Rank“. Als Rank wird im alemannischen Sprach­raum eine Wendung und eine Wegkrümmung bezeichnet. Nun also eine letzte erzählerische Schleife von Martin Walser, kein Roman im klassischen Sinn, sondern vielmehr eine Fortschreibung seiner beiden Meßmer-Bücher von 1985 und 2003. Walser hat keine lineare Erzäh­lung mit einer konventionellen Handlung, sondern ein assoziatives, bisweilen stark autobiografisch unterfüttertes Gedankenkonvolut als Lebensbilanz vorgelegt.

"Hoffentlich sterbe ich weg, bevor ich mir sage, was ich von mir den­ke", hieß es schon 1985 in "Meßmers Gedanken". Selbstzerfleischende Sätze dieses Kali­bers prägen auch das neue Walser-Werk, das von der ersten bis zur letz­ten Seite um den Satz „Mir geht es ein bisschen zu gut“ kreist. „Zu gut“ für das hohe Alter? „Zu gut“ für einen Ab­schied von der Le­bensbühne? Immer noch sind Walsers Aktivitäten ungebro­chen. Mit Erschei­nen dieses Buches beginnt eine Lesetournee in München. Wei­tere Stationen in diesem Monat sind noch Nürnberg, Berlin und Hamburg.
Lebensfreude und ständig wiederkehrende Beschreibungen von hand­festen Schmerzen marschieren hier gedanklich im Gleichschritt. Im­mer wieder begegnet man den Selbstvergewisserungen eines betag­ten Zeitgenossen: „Ich huste, also bin ich“ oder „Ich suche, also bin ich.“

Ein Apfelbaum, der Birnen trägt
Unabhängig davon, wie stark diese Aufzeichnungen autobiografisch fundiert sind, gelingen Martin Walser (möglicherweise auch als Rollen­spiel) großartige selbstanalytische Passagen, bei deren Lektüre man beinahe körperliche Schmerzen empfindet. „Diese in mich eingebaute Verneinung ist von mir nicht erreichbar.“ Selbstzweifel mischen sich mit handfesten Minderwertigkeitsgefühlen: „Auch ich wäre gerne gut gewesen.“ Und doch beharrt der Ich-Erzähler auf seine Andersartig­keit, auf seine nonkonformistische Grundeinstellung als Schwimmer gegen den Strom des Zeitgeistes: „Ich bin ein Apfelbaum, der Birnen trägt,“ und „meine Gedanken haben ein Eigenleben.“
Und Martin Walser schert sich nicht um literarische Konventionen, schreibt drauf los, wie es ihm in den Sinn kommt und ihm gerade aus der Tastatur fließt. „Der letzte Rank“ ist eine Aneinanderreihung von Notaten, Aphorismen, Kurzprosa unterschiedlichster Couleur und herr­lich skurriler Traumbilder mit Kafkas Schwester und Agamemnon. „Wie unbedeutend ist die Tageswirklichkeit, verglichen mit dem, was ich geträumt habe.“
Trotz des ständig wiederkehrenden Wohlfühl-Modus, der sich wie ein roter Faden durch das Buch schlängelt, klingt dennoch häufig auch eine Form der inneren Unruhe an, ein Gefühl der Getriebenheit, des Noch-Erledigenmüssens. „Eine Peitsche wünschte ich mir, mit der man hätte Gedanken antreiben können, schneller zu gehen.“

Schlussstrich-Prosa
Viele dieser oft nur kurzen Textfragmente verbindet der bilanzierende Charakter, wir lesen eine Art Schlussstrich-Prosa von ungeheurer In­tensität. Nicht der erhobene, moralisierende Zeigefinger, sondern die subjektiven Erkenntnisse führten hier die Feder. Das sind bisweilen "harmlose" Beobachtungen alltäglicher Mechanismen, deren soziologi­sche Tragweite sich oft erst bei einer zweiten Lektüre erschließt. Wal­ser spielt mit Neurosen, mit Verfolgungswahn und mit erotischen Ob­sessionen, als das Haus des Ich-Erzählers von einer großen Meute von Witwen belagert wird.
Komik und Tragik klopfen einander hier gegenseitig auf die Schulter. Dem Schmerz des Älterwerdens begegnet er humorvoll in einem ar­rangierten Spiel mit Gegensätzen. „Den Schrei kultivieren, dass er sich anhört wie Gelächter“, man begegnet dem „Paradies der Qual“ und empfindet „Schmerz als Daseinssteigerung“. Aber nur dann, wenn man wirklich bereit ist, sich auf Walsers gedankliche Kapriolen einzu­lassen.

Intensive "Seelenarbeit"
„Der letzte Rank“ liest sich wie eine Wanderung zum eigenen Ich, eine Selbsterkundung als Rollenspiel, ein Buch voller Lebensweisheiten und philosophischer Sentenzen. Alles wird hinterfragt, alles auf den Prüf­stand gestellt. Um es mit einem Walser-Titel auszudrücken: Ganz in­tensive „Seelenarbeit“
In jüngster Vergangenheit lief der seit vielen Jahren in Überlingen am Bodensee lebende Martin Walser noch einmal zur literarischen Höchst­form auf – vom „Muttersohn“ (2011) bis zum „sterbenden Mann“ (2015). Die Spätwerke sind viel besinnlicher, nachdenklicher und wei­ser geworden als die konventionell erzählten „Handlungs-Romane“ - Bücher, die radikal an die Wurzeln der menschlichen Existenz gehen und Liebe und Tod als zentrale Themen geradezu philosophisch um­kreisen.
„Mir geht es ein bisschen zu gut. Seit dieser Satz mich heimsuchte, in­teressierte ich mich nicht mehr für Theorien“. Grau, so wissen wir von Goethe, ist bekanntlich alle Theorie – wünschen wir also Martin Wal­ser ganz praktisch, dass ihm noch lange beste Gesundheit und das „grün des Lebens goldner Baum“ beschieden ist und er uns noch das ein oder andere in Ruhe gereifte Büchlein aus seinem Gedanken-Barri­que hervorzaubert, denn mit Walser ist es offensichtlich wie mit einem guten Rotwein: Je älter desto besser.

Martin Walser: Statt etwas oder Der letzte Rank. Roman. Rowohlt Verlag, Reinbek 2017, 171 Seiten, 16,95 Euro
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