Neugier und Klatschsucht

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Mario Vargas Llosas Roman „Die Enthüllung“


Um Klatsch und Tratsch, um die Macht der Boulevard-Presse, um Kor­ruption und Machtkämpfe geht es im neuen Roman des Literatunobel­preisträgers Mario Vargas Llosa. Schon oft hat der inzwischen 80-jäh­rige Peruaner seine Romane in einem emotionsgeladenen Spannungs­feld zwischen Politik und Erotik, zwischen Sex and Crime angesie­delt.

Für seine „Kartographie von Machtstrukturen und seine scharf gezeichneten Bilder individuellen Widerstands“, hatte ihm das Stockholmer Nobelpreiskomitee 2010 die wichtigste Auszeichnung der literarischen Welt zugespro­chen. Eine Charakterisierung, der auch der Vorgängerroman „Ein diskreter Held“ (2013) vollends gerecht wurde.
Und nun? Mario Vargas Llosa geht weit zurück in die Geschich­te seines Heimatlandes und legt uns eine verwegene Mischung aus Dichtung und Wahrheit aus den 1990er-Jahren vor - aus der Zeit in der Alberto Fujimori regierte, gegen den Vargas Llosa einst selbst angetreten war und bei der Wahl das Nachsehen gehabt hatte.
Im Vorwort wird zwar ausdrücklich auf den fiktiven Charakter der Handlung hingewiesen, etwas diffus heißt es aber auch: „Für einige Figuren hat sich der Autor von realen Personen inspirieren lassen, de­ren Namen sie überdies tragen.“

Rachefeldzug des Autors
Nach den ersten Seiten weiß man gar nicht so recht, wohin der Hand­lungshase läuft. Es beginnt mit einer reichlich platt beschriebenen Lie­besszene zweier Frauen. Marisa und Chabela sind verheiratet, gut si­tuiert und sich durch Zufall näher gekommen. Nach diesem eher bou­levardesken Romaneinstieg werden wir dann schnell mit dem korrup­ten und brutalen Alltag im Peru der Fujimori-Zeit konfrontiert. Der einflussreiche Minenbesitzer Enrique (Marisas Ehemann) wird vom Boulevard-Journalisten Ronaldo Garro mit Fotos von einem Bordellbe­such erpresst. Enrique zahlt nicht, und die kompromittierenden Fotos erscheinen tatsächlich in Limas größter Boulevard-Zeitung, die einst von Fujimoris Geheimdienstchef Vladimiro Montesinos („Doktor“ ge­nannt) kontrolliert und gelenkt wurde. Das riecht ein wenig nach einer späten Abrechnung des Autors mit dem langjährigen Regierungschef Fujimori.
„Ganz Peru konnte so seine krankhafte Neugier und Klatschsucht be­friedigen, diese unendliche Lust, die es den Mittelmäßigen und somit der Mehrheit der Menschen verschaffte, wenn sie erfuhren, dass die Berühmtheiten und die Stars, die Geachteten und Vielgeehrten aus demselben schmutzigen Lehm gemacht seien wie sie selbst“, heißt es im Roman.

"Cinco esquinas"
So weit, so unschön. Doch dann geschieht auch noch ein Mord, und der schmale Roman bewegt sich auch noch in die Sphären des Thril­lers. Die Leiche des skrupellosen Garro wird im Müll des schmuddeli­gen Limaer Stadtteils „Cinco esquinas“ (so der Romantitel im spani­schen Original) gefunden. Neben dem erpressten Enrique werden en passant noch mehrere Verdächtige präsentiert, darunter auch der feinsinnige Rezitator Peinata, dessen Ruf von Garros Blatt ebenfalls ruiniert worden war.
Am Ende inszeniert Vargas Llosa ein all umfassendes Happy-End. Durch geheime Tonbandaufzeichnungen werden die kriminellen Ver­strickungen von Geheimdienstchef Montesinos und Regierungschef Fujimori entlarvt. Retaquita, die Nachfolgerin des ermordeten Garros als Chefin der Boulevardzeitung, löst damit Fujimoris Sturz aus und rettet die fragile peruanische Demokratie.
Enrique verzeiht seiner Marisa den „lesbischen Fehltritt“ und erhält als Dankeschön dafür Marisas Gespielin Chabela auf dem Silbertablett präsentiert. Sie vergnügen sich solange zu dritt, bis Rechtsanwalt Lu­ciano (Chabelas Ehemann und Enriques Jugendfreund) auch sein Recht fordert.
Enthüllt werden die sexuellen Wünsche, die offensichtlich lange unter­drückt waren und die beiden Ehepaare final in eine ménage à quatre führen. Kriminelle Verflechtungen im peruanischen Alltag, blutige Machtkämpfe, die staatliche Einflussnahme auf die Medien und deren immenser Einfluss auf das politische „Tagesgeschäft“: Das ist (ganz simpel gesprochen) zu viel Stoff für einen relativ schmalen Roman.

Nur Boulevardprosa vom Nobelpreisträger
Mario Vargas Llosa hat schon politisch wesentlich differenzierte Roma­ne geschrieben. Auch die sinnlich-erotische Komponente kann in der „Enthüllung“ nicht überzeugen und erinnert in ihrer Kitschigkeit ein klein wenig an die misslungenen erotischen Passagen aus dem frühen Roman „Lob der Stiefmutter“ (1989).
„Die Enthüllung“ liest sich über weite Strecken wie flott dahin ge­schriebene Boulevard-Prosa, leichtfüßig zwischen Erotik und Politik changierend und immer den Blick auf das für die Emotionen so wichti­ge Skandalpotenzial gerichtet. Das Alterswerk eines verdienstvollen Nobelpreisträgers hätte man sich anders vorstellen können.

Mario Vargas Llosa: Die Enthüllung. Roman. Aus dem Spanischen von Thomas Brevot. Suhrkamp Verlag, Berlin 2016, 299 Seiten, 24 Euro
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