Vergessen wird belohnt


Christoph Heins Roman „Trutz“

„Die Erinnerung ist das einzige Paradies, aus dem wir nicht vertrieben werden können“, schrieb Jean Paul einst in seinem ersten Roman „Die Loge“. Um Erinnerungen und Vergessen geht es auch wieder einmal im neuen Roman von Christoph Hein.

„Nach 1989 gab es eine ungeheure Dämonisierung der DDR, jetzt eine rosarote Verklärung. Das würde ich mit Humor und Gelassenheit nehmen. Wer wirklich etwas über die DDR erfahren will, der muss Bücher lesen, die in dieser Zeit geschrieben wurden“, erklärte der Schriftsteller Christoph Hein, der von 1998 bis 2000 erster Präsident des gesamtdeutschen PEN-Clubs war, in einem Interview.
Der gefährliche Zwiespalt zwischen Erinnerung und Verdrängung zieht sich als thematischer Schwerpunkt wie ein roter Faden durch Heins Oeuvre. Seine Figuren - von der Ärztin Claudia aus „Der fremde Freund“ (1982) bis hin zum Kulturwissenschaftler Rüdiger Stolzenburg in „Weiskerns Nachlass“ (2011) - verbindet der Hang zur Dickköpfigkeit: sie sind eigenwillig, störrisch und nicht selten sanfte, einzelgängerische Rebellen.
In seinem neuen Roman, der aus der Perspektive eines protokollierenden auktorialen Erzählers arrangiert ist, geht es um das Schicksal der Familien Trutz und Gejm, die unter den totalitären Regimen in Deutschland und Rußland unendlich zu leiden hatten.
Der Bauernsohn Rainer Trutz hat sich als junger Mann mit allerlei idealistischen Flausen im Kopf von Mecklenburg nach Berlin aufgemacht. In den frühen 1930er Jahren schreibt er zwei Romane, veröffentlicht einige Artikel in der „Weltbühne“ und hat den Argwohn der Nazis geweckt. Mit Hilfe einer Mitarbeiterin der sowjetischen Botschaft, die er durch einen Verkehrsunfall kennen gelernt hatte, gelingt Rainer Trutz mit seiner späteren Frau Gudrun die Flucht ins Moskauer Exil.

Geboren im Moskauer Exil
Dort kommt 1934 Maykl Trutz zur Welt, der im weiteren Verlauf der Handlung die zentrale Figur wird. Im erzählerischen Rahmen begegnet Trutz als betagter Mann auf einer Tagung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur einem Schriftsteller, mit dem er sich später achtmal trifft und dem er auskunftsfreudig über sein Leben berichtet.
Diese Erinnerungen, die Christoph Hein in einem nüchtern-protokollarischen Stil zu Papier gebracht hat, umspannen auf fast 500 Seiten einen Zeitraum von mehr als einem halben Jahrhundert und beginnen mit dem Satz („In diesen Roman geriet ich aus Versehen“) und enden mit dem ironischen Resümee („Glücklich ist, wer vergisst, was doch nicht zu ändern ist“.) Und als sich Maykl Trutz und der Ich-Erzähler voneinander verabschieden, gibt der alte Herr dem Autor mit auf den Weg: „Ein gutes Gedächtnis war in der Geschichte der Menschheit stets eine tödliche Gefahr. Das Vergessen wird belohnt, nicht das Gedächtnis.“
Maykl Trutz wusste aus der eigenen Familienbiografie, wovon er sprach. Sein Vater wurde in Moskau durch den Alltag desillusioniert. Er arbeitete hart beim Bau der Metro, lernte Russisch, schloss Freundschaften, galt aber dennoch als politisch unzuverlässig.
Dieses Schicksal teilte er mit dem befreundeten russischen Wissenschaftler Waldemar Gejm, der als Koryphäe auf dem Gebiet der Mnemotik (Erforschung des perfekten Gedächtnisses) galt und seinen eigenen Sohn Rem und den gleichaltrigen Maykl Trutz als gelehrige Probanden schulte. Professor Gejm und Rainer Trutz kommen auf brutale Weise in stalinistischen Arbeitslagern zu Tode, Maykls Mutter Gudrun wird vom Hungertod dahin gerafft.

Gedächtnis wie ein Archiv
Zurück bleiben die Söhne Maykl und Rem, die seit Kindertagen mit einem messerscharfen Gedächtnis ausgestattet sind und diese beinahe singuläre Fähigkeit im Laufe ihres Lebens mehr als Fluch denn als Segen erleben müssen.
Maykl Trutz, "ein Mann mit einem Gedächtnis, das wie ein mustergültiges Archiv geordnet ist", arbeitet später – kein Wunder – als Archivar in Wittenberge. Dort begegnet er auch noch einmal Rem Gejm. Ein unprätentiöses Treffen der Verlierer, deren Lebenswege von den unterschiedlichen totalitären Regimen maßgeblich beeinflusst wurden.
„Trutz“ ist eine große Tragödie des letzten Jahrhunderts, von Christoph Hein keineswegs larmoyant erzählt, sondern stets mit einem leichten Augenzwinkern fabuliert. Die zerstörerisch-barbarische Wirkung der politischen Unrechtsregime auf zwei eigentlich völlig unpolitische „Durchschnittsfamilien“ wird in diesem opulenten Roman unpathetisch, aber dennoch aufwühlend und schockierend dargestellt.
Maykl Trutz scheitert nicht nur am Lauf der Geschichte, sondern auch an seinen eigenen hohen Ansprüchen, denen er in seiner selbstauferlegten Rolle als „wissenschaftlicher Erbe“ Gejms nicht gerecht werden kann.
Vor dem Scheidungsrichter bringt Maykls Frau das ganze seelische Dilemma auf den Punkt, als sie ernüchtert konstatiert, dass es „nicht möglich ist, mit einem Menschen zusammenzuleben, der nie etwas vergessen könne.“ Die Erinnerung als Obsession – das ist bewegende und bedeutende Literatur aus der Feder von Christoph Hein.

Christoph Hein: Trutz. Roman. Suhrkamp Verlag, Berlin 2017, 477 Seiten, 25 Euro

Autor:

Peter Mohr aus Wattenscheid

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