Von der Psychotherapie zum Waffenschein

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Marlene Streeruwitz' Roman „Yseut“



Zuletzt hatte Marlene Streeruwitz junge Frauen in den Mittelpunkt ihrer Romane „Die Schmerzmacherin“ (2011) und „Nachkommen“ (2014) gerückt. Nun widmet sich die inzwischen 66-jährige Österreicherin in ihrem sogenannten "Abenteuerroman in 37 Folgen" einer Frau gleichen Alters, die auf den altfranzösischen Namen Yseut hört, der aus der Affinität ihres, dem Alkohol verfallenen Vaters für die Welt der Sagen und Legenden resultiert.


In Rückblenden werden wir Zeugen einer trostlosen Kindheit und Jugend in Österreich, erleben lieblose Eltern und eine junge Frau, die offensichtlich vom Wunsch beseelt ist, um jeden Preis ausbrechen zu wollen. Sie studiert Sprachwissenschaften und heiratet einen gewissen Eduard, dem sie nach Kalifornien folgt. Der nächste Mann an ihrer Seite ist der Dozent Simon, mit dem sie einen gemeinsamen Sohn hat, den sie allerdings ohne Vater in einer Hippie-Kommune aufzieht, die im Rückblick seltsam verklärt wird. Scott McKenzies Songzeile „be sure to wear some flowers in your hair“ scheint in einer Endlosschleife als Hintergrundmusik mitzulaufen.
Marlene Streeruwitz erzählt uns Yseuts Lebensgeschichte auf alternierenden Zeitebenen. In der Erzählgegenwart ist sie aus Wien aufgebrochen und reist mit dem Auto in die Po-Ebene – immer eine Pistole griffbereit.
Yseut ist eine Frau, die offensichtlich flieht - vor ihrem bisherigen Leben und ein klein wenig auch vor sich selbst: „Sie wollte Neues. Ganz Neues. Deshalb war sie ja hier.“ Oft von Ängsten und Selbstzweifeln befallen, bleibt ihr nur die Flucht in die Einsamkeit der Natur. In einem abgelegenen Landhaus (auf den Spuren Lord Byrons) trifft sie einen greisen, an Kehlkopfkrebs leidenden ehemaligen CIA-Offizier und einen zwielichtigen, etliche Jahre jüngeren Mafioso, der bei ihr schon vergessen geglaubte emotionale Regungen auslöst.
Immer wieder hüpft Marlene Streeruwitz aus der leicht surreal anmutenden italienischen Gegenwart in die Vergangenheit, streut Yseuts Erinnerungen an verflossene Liebschaften ein und hüllt ihren gesamten Lebensweg mit einer bleiernen Schwermut ein. Bezeichnend für dieses biografische Desaster ist die Kapitelüberschrift der 34. Folge: „Wie es kam, dass Yseut eine Psychotherapie beginnen wollte und dann den Waffenführerschein machte.“
Auch in Italien ist nichts mehr wie früher, das Chaos dominiert, überall begegnet sie Flüchtlingen, denen sie hilfsbereit (die Geste ist entscheidend!!) Essensreste überbringt, während im Umfeld Jugendbanden Angst und Schrecken verbreiten. Die Fremdenfeindlichkeit hat sich auch in der Po-Ebene handfest etabliert.

Eine Sprache wie laute Aufschreie
Yseut macht in Italien in fortgeschrittenem Alter ihr bisheriges Leben im Zeitraffer noch einmal durch: Kindheit, Jugend, Studium, Hippie-Zeit und etliche verkorkste Beziehungen. Die Po-Ebene fungiert hier als eine Art Fantasialand für Senioren.
Marlene Streeruwitz' Sprache wirkt wie laute Aufschreie, wie ein ständiges Aufbegehren. Fast jeder Satz verlangt nach einem Ausrufezeichen. Ihr stakkatohafter Stil, der in extrem reduzierten Satzketten mündet („Buben waren das gewesen. Ganz junge Männer. Wie sie da gestanden hatten. So unbeweglich. So unbewegt. So sicher.“) erinnert stark an die subjektive Prosa, die in den 1970er Jahren en vogue war.
„Yseut hatte gemeint, die Zeit selbst würde sich in Liebe verwandeln.“ Von diesem Trugschluss, von dieser lebenslangen, aber erfolglosen Suche nach dem kleinen Glück erzählt dieser sperrige, unkonventionelle Roman. Manchmal bleibt nur der Schmerz und die Enttäuschung als Lebensgefühl. Und dies hat Marlene Streeruwitz mit Bravour eingefangen.

Marlene Streeruwitz: Yseut. Roman. S. Fischer Verlag, Frankfurt 2016, 414 Seiten, 25 Euro
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