Wenn das Gemälde laufen lernt

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Hartmut Langes faszinierende Erzählungen „Der Blick aus dem Fenster“


"Nicht in der Wahrheit, sondern in der Täuschung werden die Untiefen der Existenz berührt", hatte der Dozent Wernigerode in Hartmut Langes Band „Der Therapeut“ (2007) erklärt. Ist dieses Bekenntnis der literarischen Figur eine Art Schlüssel zum stets leicht rätselhaften Werk des Berliner Autors oder doch auch nur eine gezielte Irreführung der Leser?


Der inzwischen 78-jährige Hartmut Lange pflegt seit mehr als dreißig Jahren ein ausgeprägtes Faible für novellistisch zugespitzte Erzählungen, in deren Mittelpunkt immer wieder Figuren stehen, die die Lebensbalance verloren haben und – wie fremd determiniert – zu absurdem Handeln getrieben werden.
Nicht anders verhält es sich mit den acht Erzählungen des neuen Bandes. Gleich auf der ersten Seite werden wir Zeuge einer für Lange typischen „unerhörten Begebenheit“. Der Ministerialbeamte Reinhardt glaubt aus dem Fenster seiner Berliner Wohnung einen ähnlichen Ausblick zu haben wie auf einem Gemälde des französischen Impressionisten Gustave Caillebotte. Autos werden zu Kutschen, die Frauen tragen andere Kleider, das Kunstwerk verselbständigt sich und lebt plötzlich – zumindest in der Imagination des verstörten Betrachters. Am Ende dieses kurzen Textes steht der allein lebende Protagonist am offenen Fenster mit einem Glas Cognac in der Hand und wartet auf irgendeinen Impuls. Die Kraft der Fantasie wird von Lange hier zum Kampf gegen die Vereinsamung eingesetzt.

Ähnlich radikal verknappt („Bei mir hätte der Zauberberg nur 30 Seiten.“) hat Hartmut Lange auch die übrigen Erzählungen arrangiert. Da geht es um eine seltsame Beziehung zwischen Lydia und Richard, die nicht zueinander finden, um eine denkende und fühlende Statue („Der Abschied“), um einen Mörder, der in Irland auch nach seinem Tod weiter sein Unwesen treibt („Das Böse“), um Rahel Varnhagen, die zwischen 1790 und 1806 in Berlin einen berühmten literarischen Salon führte und in „Die Begegnung“ vom Ich-Erzähler beim Überqueren des sechsspurigen Potsdamer Platzes vor den rasendes Autos gewarnt wird, um einen Lyriker, der im Tiergarten – unweit des Lortzing-Denkmals - eine Bank entdeckt haben will, auf der noch niemand gesessen haben soll, und um eine von Selbstzweifeln geplagte Sopranistin, die unaufhörlich weiter singt - bis zum Applaus, „von dem man nicht sicher sagen konnte, ob es ihr letzter war.“

Denkspiele mit viel Platz
Hartmut Lange, der 1998 mit dem Konrad-Adenauer-Literaturpreis ausgezeichnet wurde und als Dramatiker im Umfeld von Peter Hacks und Heiner Müller seine künstlerischen Wurzeln hatte, schärft unser Unterbewusstsein und sensiblisiert unsere Sinne für das Grotesk-Absurde. Seine Texte wollen nicht verschlungen, sondern erobert werden – als Denkspiele, die zwischen den Zeilen allerlei Raum für krause Theorien lassen und immer wieder aufs Neue das Grenzgebiet zwischen Wahrheit und Sinnestäuschung erkunden.
Seine Sprache wirkt bisweilen ein wenig altbacken-verspielt, auf die ein oder andere „wie gesagt“-Parenthese hätte man verzichten können. Und doch ist es immer wieder faszinierend, wenn uns Hartmut Lange an die Hand nimmt und mit Kierkegaard und Heidegger als philosophische Begleiter auf einer Wanderung durchs alltägliche Absurdistan führt. Den Applaus, den seine Sopranistin auf der letzten Seite des Bandes empfing, hat sich auch der Autor verdient. Wieder einmal!

Hartmut Lange: Der Blick aus dem Fenster. Diogenes Verlag, Zürich 2015, 104 Seiten, 19 Euro
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