Wenn nur ein wenig Asche übrig bleibt

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Henning Mankells letzter Roman "Die schwedischen Gummistiefel" erscheint am 22. August




Kurz vor Henning Mankells Tod vor knapp einem Jahr war in Schweden sein letzter Roman veröffentlicht worden, der jetzt in deutscher Übersetzung vorliegt und uns eine erneute Begegnung mit dem Mediziner Fredrik Welin beschert, Protagonist im 2007 erschienenen Roman "Die italienischen Schuhe".


Weltweit sind über 40 Millionen Mankell-Bücher verkauft worden, der Großteil davon waren die überaus erfolgreichen Romane um den kauzigen Kommissar Kurt Wallander. Neben Krimis und qualitativ höchst unterschiedlichen erzählerischen Ausflügen nach Afrika schuf er später noch ein drittes literarisches Standbein - den psychologisch ambitionierten "Gesellschaftsthriller" mit Romanen wie Tiefe" (2004) und "Der Chinese" (2008).

Sein letztes, wenige Tage vor seinem Tod in deutscher Übersetzung erschienenes Buch "Treibsand" (2015) ließ den Leser auf quälende Weise an der unheilbaren Krebskrankheit des Autors teilhaben. Nicht zu leugnen, dass auch in der Figur des nach einem Kunstfehler zurück gezogen auf einer Insel lebenden Arztes Fredrik Welin eine Menge aus Mankells letzten Lebensjahren eingeflossen ist.
Der Protagonist erinnert in seiner Knorrigkeit (nicht zufällig) an Ermittler Kurt Wallander. Welin pflegt kaum Kontakte zu seinen Nachbarn, lediglich der Postbote Ture Jansson besucht ihn hin und wieder. Das Festland ist nur mit dem Boot zu erreichen, wirkt unendlich fern. Bleierne Schwermut hat sich bei Welin in seiner selbstgewählten Isolation eingeschlichen.
Eines Nachts steht sein Haus lichterloh in Flammen, er kann sich in höchster Not vor dem Feuer retten und flüchtet mit zwei linken Gummistiefeln an den Füßen ins Freie. Ein Häufchen Asche ist übrig geblieben - ein Bild mit Symbolcharakter. Welin muss in den alten Wohnwagen seiner inzwischen im Ausland lebenden Tochter einziehen.
Es kommt aber noch heftiger für den Mitt-Sechziger, er wird auch noch der Brandstiftung beschuldigt. Dann geht es Schlag auf Schlag, Mankell hat das Erzähltempo erheblich forciert und jagt den Leser förmlich durch die Handlung. Welins Tochter Louise taucht plötzlich auf, verschwindet nach einem Streit aber wieder ebenso schnell. Wenig später erhält der Arzt die Nachricht, dass seine Tochter in Paris wegen eines Diebstahls verhaftet wurde. Er reist dort hin, erfährt, dass die Tochter verheiratet ist und macht sich rasch wieder auf den Rückweg. Auf seiner kleinen Insel wird er dann selbst Zeuge einer Brandstiftung.

Wettlauf mit dem Tod
Man kann sich des Gefühls nicht erwehren, dass Mankell den nahenden Tod vor Augen noch einmal alle Register seines Könnens ziehen wollte und dem Familien- und Altersroman auch noch Thrillerzüge beigemischt hat.
Der Roman franst dadurch aus, und viele Handlungsfäden wirken wie nachträglich eingenäht ins Romankleid. Welin wird Großvater, und er verliebt sich sogar noch einmal. Und zwar in die junge Journalistin Lisa Modin, die über Brandstiftungen recherchiert hat. Zum großen Glück lässt Mankell seine Hauptfigur jedoch nicht mehr kommen, Welin spürt auch hier das Nachlassen seiner körperlichen (Mannes) Kraft.

Intensive Passagen
Stark und intensiv sind Mankell die Erinnerungspassagen gelungen. Wenn Welin darüber nachdenkt, wie er einmal einem jungen Mann, der sich wegen Rückenbeschwerden behandeln lassen wollte, die Krebsdiagnose überbringen musste, dann spürt man ganz deutlich das eigene Erleben - den Taumel zwischen Irrtum und Fassungslosigkeit, der nach einer Weile fließend in eine unendliche gedankliche Leere übergeht.
"Die schwedischen Gummistiefel" sind kein erzählerisches Meisterwerk, denn unter dem Diktat des drohenden Todes hat die formale Struktur deutlich gelitten. Aber dennoch hat das Buch als eine Art Vermächtnis, das im Wettlauf mit dem Tod entstanden ist, Spuren hinterlassen. Da gibt es spürbar autobiografische Sätze, die Mankell dem Arzt Frederik Welin in den Mund gelegt hat, und die sich ins Gedächtnis eingebrannt haben. "Jetzt war ich ein alter Mann, der Angst vorm Sterben hatte. Den Schritt über die unsichtbare Grenze zu tun war das Äußerste, was mir noch im Leben blieb. Es war ein Schritt, den ich fürchtete, mehr als ich es geahnt hatte."

Henning Mankell: Die schwedischen Gummistiefel. Roman. Aus dem Schwedischen von Verena Reichel. Zsolnay Verlag, Wien 2016, 475 Seiten, 26 Euro.
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2 Kommentare
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Sabine Hegemann aus Essen-Steele | 19.08.2016 | 18:42  
Jens Steinmann aus Herne | 23.08.2016 | 15:41  
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