Zufall als Macht

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Hilary Mantels Roman „Im Vollbesitz des eigenen Wahns“



„Ich denke eher an den Zufall als Macht, als richtungsgebendes Moment, wenn Sie so wollen, als ein alternatives Regelwerk zu dem, nach dem wir leben“, erklärt Colin Sidney, eine der Hauptfiguren in Hilary Mantels dreißig Jahre alten, erst jetzt in deutscher Übersetzung erschienenen Romans „Im Vollbesitz des eigenen Wahns“, der als Fortsetzung des ein Jahr zuvor veröffentlichten Romans „Jeder Tag ist Muttertag“ fungiert. Darin hat die psychisch kranke Muriel Axon, Nachbarin der Sidneys, ihre Mutter umgebracht und ihr neugeborenes Kind in einem Kanal ertränkt.


Die 64-jährige Britin Hilary Mantel, die 2009 für ihren Roman „Wölfe“ mit dem Booker-Preis ausgezeichnet wurde, pflegt ein ausgeprägtes Faible für abgründige Figuren. Ihre Handlung lässt sie gekonnt zwischen Wahn und Wirklichkeit changieren. Herausgekommen ist dabei ein bizarres Panorama selektiver Wahrnehmungen.
Muriel steht kurz vor der Entlassung aus der Psychiatrie, da die Anstalt Fulmes Moor geschlossen werden soll, die Sidneys haben sich auseinander gelebt, die vier Kinder sind ziemlich aus der Bahn geraten. Überall kriselt es, mal offen – mal latent. Und auch die „Liebeleien“ wachsen sich zu handfesten Neurosen aus.
Dabei breitet Hilary Mantel en passant auch noch eine Mentalitätsgeschichte Großbritanniens von den fortschrittsgläubigen Siebzigern bis zur Thatcher-Ära aus.
Muriel will Rache nehmen, an ihrer Sozialarbeiterin Isabel Field, die inzwischen den spießigen Bankangestellten Ryan geehelicht hat, und an den ihr verhassten Sidneys.
Dabei ist ihr jedes Mittel recht. Die psychisch kranke, aber offensichtlich hochintelligente Muriel schlüpft in unterschiedlichste Rollen, schleicht sich (verkleidet mit Leopardenjacke und Perücke) als Putzfrau namens Lizzie Blank bei den Sidneys ein und später mimt sie wieder die Hilfsschwester Wilmot.
Muriel wohnt zur Untermiete bei Mr. K., der seine Fenster verklebt, um sich vor Giftgasattacken zu schützen, dann ist da noch ihr ehemaliger Mitinsasse Philipp, der glaubt, ein Traktor zu sein, und Crisp, der Dinge offen gelassen hat, „die geschlossen werden sollten, seinen Hosenladen, einen Gashahn“.
Dieser Roman eignet sich nicht für zartbesaitete Gemüter, denn Hilary Mantels erzählerische Mixtur aus schwarzem Humor und Schauerroman à la Edgar Allen Poe, der im Roman sogar zitiert wird, geht unter die Haut. Nichts ist hier normal, ihre Figuren haben auf ihrem Lebensweg einen kräftigen Knacks abbekommen. Trotz der wiederkehrenden Skurrilitäten gibt die Autorin keine ihrer Figuren der Lächerlichkeit preis.
Die Schockmomente erinnern an die besten Romane Ian McEwans, aber Hilary Mantel ist noch viel radikaler in der Abgründigkeit ihrer Figuren und dabei eine gnadenlose Demaskiererin der vermeintlichen bürgerlichen Wohlanständigkeit.

Hilary Mantel: Im Vollbesitz des eigenen Wahns. Roman. Aus dem Englischen von Werner Löcher-Lawrence. Dumont Verlag, Köln 2016, 285 Seiten, 23 Euro
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1 Kommentar
Susanne Schmengler aus Duisburg | 26.01.2017 | 11:36  
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