Zwischen Hoffen und Bangen

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Zum 70. Geburtstag des Schriftstellers Urs Faes (am 13.2.) erschien bewegendes Fahrtenbuch



"Wer war er geworden? Einer, der sich zusah, wie er sich ängstlich durch die Straßen bewegte, langsam, als suche er etwas, das ihm abhanden gekommen war?" Das "normale" Leben, die Leichtigkeit des Alltags ist Urs Faes durch eine Krebserkrankung abhanden gekommen. In seinem neuen Fahrtenbuch "Halt auf Verlangen" gewährt der Schweizer Autor einen tiefen Einblick in das Seelenleben eines Krebspatienten. Bewegend, erschütternd, aber nie selbstbemitleidend - vielleicht sogar dem Umstand geschuldet, dass Faes die Distanz der dritten Person für seine Erzählung gewählt hat.


"Vor sieben Uhr dämmerte das Institut vor sich hin; die ersten Patientengespräche und die ersten Bestrahlungen waren auf halb acht angesetzt." Kein Satz aus dem neuen Buch, sondern aus dem 2010 erschienenen Roman "Paarbildung", in dem sich Faes schon einmal mit dem Thema Krebs auseinandergesetzt hat. Damals begegnete der Therapeut Andreas auf der onkologischen Station nach vielen Jahren seiner Jugendfreundin Meret als Patientin. Die Gespräche changierten in ihrer Stimmungslage zwischen schmerzhafter Selbstzerfleischung und seelentröstender Therapie. Als Leser wandelte man auf einem ganz schmalen Grat - zwischen Leben und Tod, zwischen Zuversicht und Angst, zwischen verpassten Lebenschancen und winzigen Hoffnungsschimmern. Und am Ende war man emotional so desorientiert, dass man nicht einmal wusste, ob man an der Seite von Andreas und Meret Mitleid, Wut, Verbitterung oder Enttäuschung fühlt. Diese Gefühlsturbulenzen, denen wir uns auch im neuen Buch ausgesetzt sehen, sind Urs Faes' meisterlicher Sprache geschuldet.

Träume, Sehnsüchte und Bilanz ziehen
In "Halt auf Verlangen" will Urs Faes das Unsagbare ausdrücken, mit sich selbst ins Reine kommen, auf physisch wie psychisch aufreibende Art und Weise. Es ist eine schmale Gratwanderungen zwischen Hoffen und Bangen, zwischen Angst und Zuversicht. Der Protagonist (ob er streng autografisch ist und wieviel Fiktion in ihm steckt, weiß nur Urs Faes selbst) sucht den Dennoch-Pfad, einen steinigen Weg, von dem man nicht einmal weiß, ob er ans Ziel führt. Den Tod vor Augen bilanziert er alles, legt das fein sezierte Leben auf die Waage. Und im besten Fall, ist man mit sich selbst einig, dass es sich zu leben gelohnt und dass man nicht allzu viel versäumt hat. Biografische Leerstellen werden in der Fantasie geflickt, Möglichkeiten gehen durch den Kopf, Träume und Sehnsüchte, aber auch verpasste Chancen - in etwa so wie es jetzt Paul Auster in seinem Monumentalepos "4321" getan hat, als er uns ein Leben in vier Variationen präsentiert hat.
Wie geht man selbst mit der Krankheit um, wie verhält man sich zu den engsten Vertrauten? Wird man argwöhnisch, vermutet man gar Unehrlichkeit bei den Anderen? Fragen, die unter die Haut gehen, die bei der Lektüre eine Gänsehaut auslösen, und auf die es keine allgemeingültigen Antworten gibt. Diese Krankheit frisst nicht nur am Körper, sie nagt auch nachhaltig an der Seele, verändert einen Menschen radikal.
Urs Faes, der am 13. Februar 1947 in Aarau geboren wurde, absolvierte in jungen Jahren eine Lehrerausbildung und promovierte später in Ethnologie. In den 1970er Jahren hatte er mit zwei Lyrikbänden debütiert, räumte aber später ein: "Mein Temperament ist schon ein episches. Ich mag den Erzählkosmos und die Gegenwelt, die durch die Arbeit an einem Roman entsteht. Diese Gegenwelt, deren Erstellung und Einrichtung auch etwas sehr Spielerisches hat." Der literarische Durchbruch gelang dem einst passionierten Pfeifenraucher 1989 mit dem Roman "Sommerwende" - das erste im Suhrkamp Verlag, dem er bis heute die Treue gehalten hat, erschienene Werk. Es folgten u.a. die Romane "Alphabet des Abschieds" (1991), "Und Ruth" (2001), "Als hätte die Stille Türen" (2005) und "Sommer in Brandenburg" (2014).
Faes lebt abwechselnd in Zürich und San Feliciano in Umbrien ("Ich schätze die Spontaneität der dort lebenden Menschen und das Licht."). Seiner Wahlheimat hat er schon vor 20 Jahren in seinem eindrucksvollen Roman "Ombra" eine literarische Liebeserklärung gewidmet. Und darin steht ein Satz, der Urs Faes' künstlerisches Schaffen perfekt auf den Punkt bringt: "Nicht, was wir sehen, bewegt uns, sondern das, was in unserer Phantasie sich entwickelt."

Urs Faes: Halt auf Verlangen. Ein Fahrtenbuch. Suhrkamp Verlag, Berlin 2017, 199 Seiten, 20 Euro
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