Wohlfahrtsverband schlägt Alarm: Rotes Kreuz leidet in Wattenscheid unter fortschreitendem Personalmangel im Ehrenamt

DRK-Chef Thorsten Junker und der stv. Kreisrotkreuzleiter Mark Büteröwe werben um ehrenamtliches Engagement beim DRK
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Das Deutsche Rote Kreuz genießt ein hohes Ansehen in der Bevölkerung. Viele Menschen kennen und schätzen sowohl den Wohlfahrtsverband, als auch die nationale Hilfsgesellschaft. Ohne das Rote Kreuz fand in Wattenscheid in vergangenen Jahren nahezu keine größere Veranstaltung statt. Die Rotkreuzler waren immer vor Ort: Wenn Flüchtlinge innerhalb von Stunden untergebracht werden mussten. Wenn Obdachlose zu Weihnachten betreut wurden, die SG Wattenscheid 09 in der Regionalliga im Lohrheidestadion auflief, der Startschuss zum Wattenscheider Karneval fiel oder die Werbegemeinschaft zum Weinfest eingeladen hatte. Doch in den letzten Monaten konnten diese zahlreichen Aktivitäten nur schwer ausgeübt werden, denn es haben sich akute Personalprobleme beim Roten Kreuz aufgetan, es fehlt aktuell schlichtweg an „Manpower“.

Vor gut 20 Jahren, da war die Welt noch in Ordnung. Damals, erinnert sich Wattenscheids DRK-Präsident Thorsten Junker, kannte das Deutsche Rote Kreuz keine Nachwuchssorgen. Und selbst vor zehn, zwölf Jahren sei es noch ganz okay gewesen, erinnert sich Christian Lange, Präsidiumsmitglied in Wattenscheid und gemeinsam mit Thorsten Junker über den damaligen Ersatzdienst in den frühen 90ern zum Kreisverband gekommen.

Ende der Wehrpflicht weiterhin als Problem

Irgendwann danach aber sind dem DRK-Kreisverband die Leute weggebrochen. Erst ein wenig, später dann immer mehr. Heute schlägt der Verband Alarm: Er braucht dringend Menschen, die bei ihm mittun wollen. Und zwar auf allen Ebenen. Thorsten Junker sieht die aktuellen Nachwuchsprobleme mit Sorge: „Früher hatten wir zeitweise gut 180 ehrenamtliche Mitglieder, heute sind wir aber nur noch 110.“ Ursache: 2010 beschloss das Bundeskabinett eine Aussetzung der Wehrpflicht zum 1. Juli 2011. Die Wehrpflicht besteht damit zwar weiter. In Friedenszeiten werden aber keine Wehrpflichtigen mehr eingezogen. „Wer früher nicht zur Bundeswehr gehen wollte, verpflichtete sich häufig ersatzweise beim Katastrophenschutz“, erläutert Christian Lange. „Genau diese Leute fehlen jetzt.“ Andererseits: „Wer heute zu uns kommt, ist freiwillig hier und deshalb besonders engagiert“, meint der stellvertretende Kreisrotkreuzleiter Mark Büteröwe. Sonst könnten die Wattenscheider Rotkreuzler ihre vielen Aufgaben wohl auch nicht mehr stemmen.

DRK hat immer noch gute Argumente für ein Engagement

Dabei muss sich eine Organisation wie das DRK eigentlich nicht verstecken. Klar, es braucht Engagement, es braucht die Bereitschaft, einen Teil seine Freizeit einzubringen, aber dafür bietet der Verband auch einiges: das gute Gefühl, gebraucht zu werden etwa. Das Bewusstsein, Menschen zu helfen, die dringend Hilfe nötig haben. Das Erlebnis einer helfenden Gemeinschaft. Mithin: Sinnstiftung in einer zunehmend oberflächlicheren Welt.

Sanitätsdienst mit großem Personalbedarf

Thorsten Junker, Christian Lange und Mark Büteröwe wollen so pathetisch gar nicht werden. „Wir suchen vor allem für unseren Sanitätsdienst freiwillige Helfer“, sagt Mark Büteröwe, denn hier drückt der personelle Schuh aktuell am meisten. „Hier sind auch die Anforderungen an den Sanitätsdienst durch die Ordnungsbehörden nicht ganz unproblematisch für uns, weil hier teils hohe fachliche Qualifikationen gefordert werden, die man leider nicht immer erfüllen kann.“ Dies zeigt sich aktuell besonders beim Wattenscheider Karneval, bei dem man dem Festausschuss für die Betreuung des großen Umzugs schon frühzeitig eine notwendige deutliche Erhöhung der Kosten darstellte, „da wir Fachpersonal aus dem hauptamtlichen Bereich anderer Kreisverbände anfordern müssen. Dies kostet dann natürlich mehr. Aber ehrenamtliche Unterstützung anderer Verbände ist an Karneval nicht so einfach, denn es gibt nicht nur in Wattenscheid närrische Umzüge.“ Trotzdem übernehmen die Wattenscheider Rotkreuzler in 2016 den traditionellen Sanitätsdienst, auch wenn man kostentechnisch immer noch draufzahle und einen erhöhten organisatorischen Aufwand erbringen müsse.

„Es gab auch in den letzten Monaten noch Einsätze in der Arena auf Schalke. Bei Fußballspielen sind wir manchmal direkt am Spielfeldrand“, sagt Christian Lange. Auch bei den Herbert Grönemeyer-Konzerten im Bochumer Ruhrstadion oder der Extraschicht 2015 waren die Wattenscheider aktiv. Hier tauscht man sich mit den Nachbarverbänden aus und unterstützt sich gegenseitig, trotzdem mussten in letzter Zeit auch einige Sanitätsdienste in der Hellwegstadt abgesagt werden, weil man sie personell einfach nicht mehr besetzen konnte.

Einsatz im Katastrophenschutz

Gemeinsam mit ihren Kollegen aus Herne ist die Einsatzeinheit des Verbandes zudem auch noch in den örtlichen Katastrophenschutz eingebunden. „Wir waren vergangenes Jahr mehrfach im Rahmen der aktuellen Flüchtlingshilfen aktiv“, sagt Mark Büteröwe. „Natürlich halfen wir, als es galt, Flüchtlinge innerhalb weniger Stunden in den Herner Schulen unterzubringen. Allen Beteiligten ist in solchen Augenblicken klar, dass wir schnell reagieren müssen“, erzählt der stellvertretende Kreisrotkreuzleiter. Feldbetten aufstellen, Stühle daneben hieß es dann oft: nur wenige Stunden blieben den Helfern, bis die ersten Flüchtlinge damals eintrafen. Auch beim Betrieb von Flüchtlingsunterkünften halfen die Wattenscheider Rotkreuzler mit.

Aufgaben für jung und als - je nach Interessenslage

Eigentlich hochspannende Aufgaben, und dennoch eine aktuelle Personalknappheit. „Das Phänomen gibt es überall, nicht nur in Wattenscheid“, sagt Präsidiumsmitglied Lange. „Viele Stadtverbände haben hier mit Nachwuchsproblemen zu kämpfen, in den ländlichen Gebieten sieht es personell oft besser aus.“ Was es aber nicht besser macht. „Wir suchen natürlich junge Menschen, aber ebenso auch Ältere.“ Zu tun gibt es für alle Altersgruppen genug.

Bei den Sanitätern zum Beispiel, obgleich hier eher jüngere Menschen gefragt sind. Bei der Blutspende oder in der Kleiderkammer können sich auch ältere Wattenscheider engagieren, ohne gleich viele notwendige Ausbildungen absolvieren zu müssen.

Wattenscheids DRK-Kreisverband hat außerdem eine große Tradition: Der Kreisverband wurde 1902 gegründet, er geht in sein 114. Jahr. Deshalb tröstet sich DRK-Chef Junker auch mit einem Blick in die Geschichte über die augenblicklichen personellen Probleme hinweg: „Es gab immer wieder Aufs und Abs bei uns.“

Ehrenamt als Stützpfeiler des Verbandes

Im laufenden Jahr 2016 soll eine zentrale Botschaft des Roten Kreuzes in Wattenscheid die sein, „dass bei uns jeder seinen Platz im Ehrenamt finden und in Bereichen aktiv werden kann, die selbst ausgesucht werden sollten. Das DRK hat Aufgabengebiete, die jung aber auch alt gefallen. Hier ist jedes Talent wirklich gefragt und kann sich entfalten.“ Beim örtlichen Roten Kreuz ist das Ehrenamt der Stützpfeiler des Verbandes.

„Die Formulierung „Wir brauchen Deine Talente“ ist dabei mehr als ein Slogan, es ist ein Wegweiser, eine Haltung, die unser Tun und unser Miteinander prägt. Wir wollen diesen Leitsatz für die Werbung ehrenamtlichen Nachwuchses in der täglichen Arbeit weiterhin leben, damit wir auch in Zukunft den hohen Stellenwert des Freiwilligen im Roten Kreuz halten und für Menschen in Not da sein können“, formuliert Thorsten Junker seinen Wunsch für die Arbeit „seiner ehrenamtlichen Rotkreuzler“.

Bei Interesse an einer ehrenamtlichen Mitarbeit steht in der DRK-Kreisgeschäftsstelle an der Voedestraße 53 Herr Markus Eisenhuth gerne für Fragen bzw. weitere Informationen unter 0 23 27 – 8 70 17 zur Verfügung.

Autor:

Christian Lange aus Wattenscheid

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