Der Wahnsinn geht weiter

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Heiko Vüllers beim Training im Frühjahr im Tramuntana-Gebirge auf Mallorca. Foto: privat
Er sucht die Herausforderungen, er will bewusst seine körperlichen Grenzen ausreizen. Nachdem der Günnigfelder Behindertensportler Heiko Vüllers im letzten Jahr mit dem Rad den Mont Ventoux bezwungen hat, wird es jetzt noch eine Nummer größer und schwieriger. Der Ötztaler Radmarathon wartet - mit 238 Kilometer Gesamtdistanz und 5500 Höhenmeter.

Seit dem 30. September 2016 hatte sich Heiko Vüllers eine neue sportliche Aufgabe gesucht. Es war jener Tag, an dem er das Tour-de-France-Monument, den Mont Ventoux, erklommen hatte. „Ich hatte es mir schwieriger vorgestellt“, hatte der Günnigfelder berichtet, nachdem er gleich zweimal in zwei Tagen den magischen Berg in der Nähe von Carpentras in Südfrankreich bezwungen hatte. Alles andere als alltäglich für einen Behindertensportler, der mit nur einem Bein gegen die Berge kämpft.
Dabei war er nur über Umwege zum Radfahren gekommen. Vüllers hatte bis 2013 Badminton gespielt. Zweimal holte er WM-Bronze mit dem deutschen Team und Silber bei der Europameisterschaft im Doppel. Starke Hüftprobleme haben den heute 49-Jährigen dann dazu bewogen, den Badmintonschläger an den Nagel zu hängen. Ein Arzt gab ihm den Rat mit auf den Weg, es auf dem Rad zu probieren. Das sei gelenkschonend. Gesagt - getan: Schnell war Heiko Vüllers, der seit 1993 auf der Günnigfelder Straße einen Schuhmacher- und Schlüsseldienst betreibt, Feuer und Flamme für das neue Metier.
Und nun läuft die Vorbereitung auf eines der schwierigsten Jedermann-Radrennen der Welt – beim Ötztaler Marathon ist nicht allein die Distanz von 238 Kilometer Respekt einflößend, sondern auch das ständige auf und ab in den Alpen, das den Radenthusiasten stattliche 5500 Höhenmeter abverlangt.
Am 27. August wird Heiko Vüllers dann einer von rund 4500 Startern sein. Bis dahin wird akribisch trainiert. Vor allem stehen immer wieder Bergfahrten auf seinem Trainingsprogramm. Die Halde Hoheward in Herten hat er kürzlich 20mal hintereinander bezwungen. Dreißig Anstiege waren geplant, aber ein heftiger Regenguss und aufkommender Sturm haben ihn gebremst.
„Die Kondition stimmt. Jetzt muss speziell noch am Bergfahren gearbeitet werden“, gibt sich Vüllers optimistisch. 180 Kilometer war die längste Distanz, die er in diesem Jahr abgespult hat. Den Fronleichnamstag hat Vüllers zu einem ausgiebigen „Höhen“-Training in heimischen Gefilden genutzt. Über die Ennepetalsperre, Breckerfeld, Lüdenscheid, Hagen und Hohensyburg führte seine Tour, die am Ende 139 Kilometer auf dem Tacho aufwies – mit 2600 Höhenmeter. Mit einem superleichten Carbonrennrad (ca. 7,5 kg), das auf der rechten Seite mit einer Spezialkurbel ausgestattet ist, und mit einer gebirgstauglichen Spezialübersetzung will er sich der Herausforderung stellen.
Mitte Juli will er noch einmal zu einem Spezialtraining für ein paar Tage in die Dolomiten, dann stehen die „Riesen“ des Giro d’Italia auf dem Plan – der Passo die Stelvio (2757 Meter/ dt. Stilfser Joch) und der Mortirolo (1852 Meter). „Ich werde mindestens die Hälfte der Anstiege im Wiegetritt fahren müssen. Anders ist das in den steilen Passagen mit nur einem Bein nicht möglich“, berichtet Vüllers, dessen rechtes Bein nach einer Hüftoperation in der Kindheit nicht mehr gewachsen und 42cm kürzer ist.
Der Countdown läuft, die Ziele sind klar gesetzt – bis zur Anreise zum Ötztaler Marathon will Vüllers 5500 Jahreskilometer auf dem Tacho haben. Um gewappnet zu sein für mehr als 12 Stunden Quälerei im schmalen Rennsattel. Der Wahnsinn geht weiter.
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Sabine Hegemann aus Essen-Steele | 04.07.2017 | 23:27  
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