Wie deutsche Frauen die Poesie entfesselten: Stellers Sinneslieder auf der Musikschul-Bühne

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Gestenreicher Künstler. (Foto: ErPo)
Gäbe es eine menschgewordene Gen-Mischung aus Yul Brunner und Art Garfunkel, dann könnte das Oliver Steller sein. Dort steht der Barde aus Bonn und legt ein zweistündiges Zeugnis des Stempels ab, den ihm die FAZ verlieh: "die Stimme deutscher Lyrik".

"Spiel der Sinne" nennt der 49-Jährige sein aktuelles Programm, das er zusammen mit dem Saxophonisten Bernd Winterschladen in der Aula der Weseler Musik- und Kunstschule vorträgt. Eingeladen hat der Verein r(h)einKulturWelt, dessen Vorsitzende Ulrike Haibach-Daniel schon seit den späten Neunziger Jahren mit dem Künstler zusammenarbeitet.

Frauenlyrik, gelesen und gesungen von einem Mann? Funktioniert bei Steller. Der las vor 25 Jahren „Ein alter Tibetteppich“ von Else Lasker-Schüler und entdeckte damals seinen Faible für Gedichte aus des Weibes Feder.

Ist auch (zugegeben) irgendwie spannend, diese Lyrik, die verboten, verdammt und verleugnet wurde - je nachdem, wer sich gerade damit beschäftigte. Frauen wie Annette von Droste-Hülshoff, Ingeborg Bachmann, Marie-Luise Kaschniz und andere kämpften für ihre Überzeugung und ihr Geschlecht - mit Worten und Leidenschaft.

Steller bringt's überzeugend rüber und gefällt dem Publikum, das - wen wundert's - zu 90 Prozent aus Frauen besteht. Große Gefühle, gesellschaftliche Anerkennung, Erotik und Vergänglichkeit stehen im Fokus der Betrachtung. Der Bonner vertonte ein Jahr lang die Werke der Dichterinnen aus zwei Jahrhunderten und bekommt dafür ehrlichen Weseler Applaus.

Ein Abend mit einem Thema, dessen Zugang manchen sperrig vorkommen mag. Dabei waren es die Frauen, die der deutschen Poesie die Fesseln abnahmen. Oliver Steller hat das verstanden. Auch ohne Brunner-Garfunkel-Gen.
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