Zingsheims "Kopfkino": zwischen Politik, Schenkelklatschern und Melancholie

Anzeige
Die Pommes sind schärfer als das Bild. (Foto: irgendeine Bekannte)

Sie kennen Martin Zingsheim nicht? Dann müssen Sie jetzt zwei schlechte Nachrichten schlucken: 1) Sie haben was verpasst.
2) Das ist 'ne Riesenbildungslücke.
Ne halt, Zweitens nehm' ich zurück, weil: Ich kannte ihn ja selber nicht.

Und das, obwohl der Mann quer durch die TV-Sender tingelt, munter Kleinkunstpreise sammelt und im Jahr 2014 sage und schreibe 182 Auftritte absolvierte. Einer der aktuellen führte den Kölner Kabarettisten jetzt nach Marienthal, wo der Abend im Zelt auf der Kulturwiese zwar wenig vom Sommer hatte, dafür aber alles, was exquisite Unterhaltung braucht.

Ironie ist das Stilmittel der Wahl für den 32-Jährigen. Er lobt das Publikum eingangs ob der guten Stimmung: "Auf dem Level einer nordkoreanischen Pressekonferenz"! Egal, was für Zingsheim wirklich zählt, ist Ahnung von dem zu haben, was man auf der Bühne vorträgt. Das sei eben wie ein guter trockener Rotwein für unter 3 Euro.

Frauen-Männer-Gedöns thematisiert er nicht gerne. Hat er sich nach dem Selfie im Winterurlaub mit seiner Frau abgewöhnt, das er nach einer Woche ohne Gespräche bei Facebook postete und das seine Frau als erste likete. Immerhin.

Als Heilmittel gegen gleichermaßen verkorkste, gesellschaftlich eingefahrene Riten empfiehlt Zingsheim den Ausruf GONKWRÖMM !! Kamma nich googeln, mussma einfach mal sagen und kucken, was passiert.

Sein temporeicher Schweinsgalopp führt ihn durch die Niederungen des Philosophischen und der Religion bis hin zur Politik, die im Süden unseres Landes nicht ums "seehofereske Weltbild" herumkommt. Was das ist? Na, die Wahrnehmung des Lebens wie nach dem Konsum einer Kiste Tuborg: Alles dreht sich um mich!

Zingsheim ist locker, witzig, schlagfertig - und doch erklärt er die Welt gerne simpel. Nämlich mit den Stimmen von Herman van Veen und Klaus Kinski, die das Wahlprogramm der Bundesgrünen vorlesen. Da klopft sich das Zeltpublikum auf die Schenkel!

Genau wie bei seinem speziellen Blick auf die Außenseiter der Gesellschaft: Arbeit mit behinderten Kindern von superreichen Asis aus dem Ausland - das sei gelebte Exklusion!

Martin Zingsheim ist nicht leicht zu erklären, aber schwer zu ignorieren. Wer das Glück hat, in geografischer Nähe seines Tourneeeplanes zu wohnen, der sollte sich diesen kleinen Großen der Zunft nicht entgehen lassen. Ganz am Ende zeigt er dann noch, dass er nicht nur lustig kann, sondern auch melancholisch: mit einem wunderbaren Lied über alte Menschen, die zurückblicken, aber sich nicht mehr an alles erinnern können. Ganz großes Kopfkino!

Und vielleicht haben Sie ja dasselbe Glück wie ich, dass Sie beim Pommes-Essen zusammen mit diesem sympathischen Künstler fotografiert werden. Ungeplant, aus der Hüfte, irgendwie entspannt, GONKWRÖMM halt.

Hier mal ein Video von einem Zingsheim-Auftritt.
/
Und noch eins (aktuelles Programm)_
/
5
Diesen Mitgliedern gefällt das:
Information zu Weiterempfehlungen Einstellungen für Weiterempfehlungen
 auf anderen WebseitenSenden
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.