"Kommunikationszugewinn", Cyber-Mobbing und der schmale Grat zum Sucht-Faktor

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Kinder- und Jugendarzt Dr. Björn Nehlsen. (Foto: Archiv)

Der Weseler Jugendarzt Dr. Björn Nehlsen wirft auf Bitten der Redaktion "Der Weseler" einen fachlichen Blick aufs Thema Dauerdaddeln. Der Mediziner schildert seine Sicht so:

"Das Smartphone, oder neudeutsch das mobile device, ist aus der Lebenswelt der Jugendlichen in Deutschland und Europa nicht mehr wegzudenken. Und das ist auch gut so. Der Zugewinn an Kommunikation ist erheblich, aber die Risiken der Nutzung des Smartphones sind nicht zu unterschätzen.

Wer heute in der peer-group mit dabei sein will, ist auf die Nutzung des Handys als Kommunikationsmittel angewiesen. Hier lauert auch schon die erste Gefahr- wer nicht über einen ständigen Onlinezugang verfügt, der ja mit Kosten verbunden ist, kann schnell ausgeschlossen sein.

Das zweite Risiko ergibt sich aus der Dauer der Nutzung. Der Zwang, immer erreichbar zu sein und immer die neuesten Infos parat zu haben, führt häufig dazu, dass das Gerät immer angeschaltet und immer dabei ist und so zu einem ständigen Ablenkungsfaktor wird. Die Maßnahme vieler Schulen, den Handygebrauch im Unterricht zu untersagen, halte ich daher für richtig und notwendig zum Schutz der Schüler.

In einer neueren statistischen Erhebung (statista 2016) geben von 500 befragten Schülern zum Beispiel 48 Prozent an, vom Smartphone bei den Hausaufgaben abgelenkt zu sein. Bei 20 Prozent resultierten daraus schulische Probleme. 43 Prozent gaben unüberlegt Daten preis und 24 Prozent empfanden Kommunikationsstress.

Als weiteres Risiko sind Phänomene wie Cyber-Mobbing oder die Verbreitung intimer Fotos über das Netz zu sehen, die erhebliche psychosoziale Folgen bis hin zu Selbstmordgefährdung haben können.

Uns allen sind sie außerdem schon begegnet, die radelnden oder laufenden und gleichzeitig schreibenden, spielenden oder telefonierenden Zeitgenossen, die aber keineswegs nur unter den Jugendlichen zu finden sind (auch im Auto immer wieder zu sehen), die sich und andere dadurch in Gefahr bringen.

Nicht zuletzt ist das Suchtpotential der Onlinenutzung zu berücksichtigen. In einer Studie der Uni Mainz werden rund 10 Prizent als problematische Internetnutzer und 1 Prozent als internetsüchtig bezeichnet. Ältere Zahlen der Bundesregierung geben noch höhere Raten an. Deshalb ist es extrem wichtig Ausgleichsaktivitäten zu haben. Der Sportverein oder das Praktizieren von Musik oder Kunst, das (nicht virtuelle) Treffen mit Freunden sind enorm wichtig und stellen einen guten Schutzfaktor vor den Risiken der Onlinenutzung dar.

Man sollte versuchen, jeden Tag wirklich handyfreie Zeiten einzubauen, insbesondere nachts sollte das Mobiltelefon immer ausgeschaltet sein. Was das Risiko der Strahlung angeht wird zwar nach wie vor kontrovers diskutiert, sicher aber ist, dass die elektromagnetische Strahlung biologische Prozesse in den Zellen des menschlichen Körpers beeinflusst.

Mit das Wichtigste aber, was Eltern tun sollten: interessieren Sie sich für die digitalen Interessen Ihrer Kinder. Bleiben Sie im Gespräch. Treffen Sie Vereinbarungen, ohne zu verteufeln. Sie müssen informiert sein, um mitreden zu können. Sehr gute Informationen zu diesen Themen stellt immer wieder die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, BzgA, bereit.

Dies meint die Polizei zum Thema Dauerdaddeln.
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