Wenn Wesel zur Heimat werden soll

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  Wesel: Wesel | Er war noch keine vier Jahre alt, als er mit seiner Familie nach Deutschland kam.
Ein Jahr zuvor hatte sein Großvater seine Ländereien in Syrien verkauft, weil er die Vision hatte, dass Syrien über kurz oder lang nicht mehr sicher genug sei, für die christliche Familie.
Die Wahl zwischen Deutschland und Australien fiel auf Deutschland. Hierher emigrierte er.

Seine Tochter, Samer Kheyos Mutter, und ihre Familie holte er später nach. Sie sollten sicher aufwachsen und etwas aus ihrem Leben machen können. Er war die treibende Kraft, der Motor der Familie und Vorbild für Samer Kheyo. Sein Großvater sei derjenige gewesen, der ihm beigebracht habe, dass man das was man hat zu schätzen wissen sollte, und zwar zu jeder Zeit. Man brauche Ziele im Leben, die man verfolgt. Aber nicht blind und verbissen sondern mit dem Blick nach rechts und links des Weges. Christliche Werte sind dem Diplompädagogen sehr wichtig. „Ich lese oft in der Bibel“, sagt er. „Es gibt da die Geschichte einer Prostituierten, die zu Jesus kam und bekannte, was sie tat. Sie sollte gesteinigt werden. Aber Jesus stellte sich vor sie, hob einen Stein und hielt ihn in die Runde mit den Worten „wer von euch frei von Sünde ist, werfe den ersten Stein!“ „So geht es uns doch allen!“, sagt Samer Kheyo. „Niemand ist ohne Fehler! Und bevor wir andere verurteilen, sollten wir mal über uns selbst nachdenken.“ So geht er auch an seine Arbeit mit den Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Er holt die Menschen dort ab, wo sie sind und wie sie sind. Als jemand der selber einen Migrationshintergrund hat, hat er einen leichteren Zugang zu den jungen Leuten. „Sie merken, dass ich authentisch bin.“ Manchmal brauche es etwas Zeit, bis die Jugendlichen sich ihm öffnen und über ihre Probleme, ihre Träume und Wünsche sprechen. Er ist ein geduldiger Zuhörer, der immer wieder vermittelt, dass er versucht Lösungen für Probleme und Antworten auf Fragen zu finden. Wieder und wieder erklärt er den jungen Migranten, wie wichtig es ist, die Sprache zu sprechen. „Geht mal raus in ein Geschäft, sprecht mit den Menschen, knüpft Kontakte und bittet die Leute, euch zu verbessern, wenn ihr etwas nicht richtig aussprecht!“ Das schaffe Nähe und baue Hemmungen ab, so Kheyo. Es gebe auch manchmal Themen, bei denen sich kein gemeinsamer Nenner finden lasse. „Wenn ich sehe, dass eine Diskussion darüber zu nichts führt, spare ich das Thema aus, denn ich möchte den Jugendlichen nicht ganz verlieren. Wir arbeiten dann halt auf einer anderen Ebene weiter. Ich helfe beispielsweise bei Bewerbungen oder der Anerkennung von Zeugnissen.“
Auch nach dem Ende des Integrationskurses hält er weiterhin den Kontakt zu den Menschen. Er bindet sie ein in sein großes Netzwerk. Ist Ansprechpartner, manchmal so etwas wie ein großer Bruder, zu dem man aufschaut, manchmal Lehrer oder Vertrauensperson. Der Diplompädagoge möchte, dass seine Kurse nachhaltig sind. „Ich möchte nicht, dass die jungen Menschen nach dem Ende des Integrationskurses nach Hause gehen und alles wieder vergessen. Ich möchte, dass sie dabei bleiben und weiterlernen. Dass sie eine Ausbildung machen und ihr Leben hier als Teil unserer Gesellschaft aufbauen. Oder ihre Träume verwirklichen.“ So wie der junge Mann, den er vor einiger Zeit betreut hat. Der 17-jährige war Schulverweigerer. Der Jugendmigrationsdienst wurde informiert und Samer Kheyo kontaktierte den Lehrer des Jugendlichen. Er stellte nach einiger Zeit und geduldigen Wartens fest, dass der junge Mann dem Druck, den seine Familie auf ihn ausübte und den Anforderungen, die an ihn gestellt wurden einfach nicht mehr standhalten konnte. Er verweigerte sich. Nach und nach baute der Diplompädagoge eine Verbindung zu dem Jugendlichen auf und erfuhr so, dass es sein größter Traum sei, einmal Tiere zu hüten. „Tiere hüten, hier bei uns in Deutschland?“ Wie er sich das vorstelle, wollte Kheyo wissen. Er wolle nicht in Deutschland bleiben, so der Jugendliche. Er wolle auf einer Ranch in Amerika leben. Aber auch dazu bräuchte er eine gute Ausbildung, so Kheyo. Er arbeitete lange mit dem Jungen zusammen. Ein Jahr nach der Zusammenarbeit bekam er plötzlich eine Karte aus den USA von einer Ranch, mit vielen Grüßen und einem dicken Dankeschön von dem jungen Mann. Er hatte sich seinen Traum erfüllt und war in die USA gegangen und arbeitete nun, wie er es gern wollte, mit Tieren. Auch seinem Lehrer schickte er eine Karte und bedankte sich für die Unterstützung.
Geschichten wie diese, machten seine Arbeit aus und das Wissen, dass seine Message angekommen sei. „Verfolge deine Ziele und gib nicht gleich auf, wenn es nicht sofort klappt. Es lohnt sich!“

Es gibt aber auch Menschen in seinen Kursen, die aus Krisen- oder Kriegsgebieten kommen. Sie haben ihre Heimat nicht verlassen, um woanders ein besseres Leben zu führen. Sie haben ihre Heimat verlassen, um zu überleben. Hier sei besonderes Fingerspitzengefühl nötig. Es wäre wünschenswert, wenn es Psychologen gäbe, die die Sprache der Menschen sprechen, damit überhaupt eine Therapie erfolgen kann. „Davon gibt es leider viel zu wenige und oft muss ich bis nach Berlin telefonieren, um jemanden an den Hörer zu bekommen, der die entsprechende Sprache spricht“ so Samer Kheyo. Das sei sehr schade, denn gerade die Menschen, die aus solchen traumatisierenden Situationen zu uns kämen, bräuchten mehr, als nur ein Dach über dem Kopf.
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1 Kommentar
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Michael Grigat aus Datteln | 01.04.2015 | 08:49  
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