Schulabsentismus: Wie man den Ursachen zuleibe rückt und Perspektiven aufzeigt

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Die Expert(inn)en in einer Tagungs-Pause. (Foto: provat)

Das Thema Schulabsentismus bzw. Schulverweigerung ist auch in Wesel relevant. Das lässt sich mit Zahlen belegen: Es gibt Schülerinnen und Schüler, die in der Grundschule und besonders auf weiterführenden Schulen über 60 unentschuldigte oder mehr als 120 entschuldigte Fehlstunden pro Schuljahr aufzuweisen haben. Ungefähr 200 Schüler kommen auf insgesamt nahezu 40.000 versäumte Schulstunden.

Dies nahm das Marien-Hospital zum Anlass für eine Fachtagung „Schulabsentismus – Ursachen und Perspektiven“. Daran nahmen Kinder- und Jugendärzte, Lehrer sowie Vertreter von Jugendhilfe und Beratungsstellen teil.

Vielfältige UrsachenDie Ursachen dafür, dass Kinder und Jugendliche der Schule fernbleiben, sind vielfältig. Ängste vor Lehrern und Mitschülern, schlechte Schulleistungen bei Lernschwäche oder Teilleistungsstörungen wie Lese-Rechtschreib-Störung, Stress mit Lehrern und Mitschülern oder Mobbingsituationen führen zu s.g. Schulangst, die häufig mit körperlichen Beschwerden wie Kopf- und Bauchschmerzen einhergeht.

Abzugrenzen hiervon ist die Schulphobie, bei der eher jüngere Schüler Angst haben, ihr Zuhause zu verlassen, weil sie sich nicht von ihren Eltern trennen wollen oder sich Sorgen um diese machen. Auch hier stehen in der Regel körperliche Krankheitszeichen im Vordergrund. Bei diesen beiden Störungen sind aufgrund der vermeintlichen Erkrankung des Schülers die Fehlstunden eher entschuldigt bzw. durch ärztliche Atteste belegt.

Weitere Ursachen sind belastende Lebensumstände, Störung des Sozialverhaltens oder Suchterkrankungen, die zum Fernbleiben des Unterrichts, dem „Schulschwänzen“, führen. Diese Schüler bleiben dem Unterricht eher ohne Wissen der Eltern unentschuldigt fern.

Schnelles Handeln ist geboten

Trotz vielfältiger Ursachen ist in allen Fällen ein schnelles Handeln aller beteiligten Institutionen wie Schulen, Schulämter, Jugendämter und medizinische Einrichtungen notwendig, da gerade Schulängste bereits nach wenigen Tagen zur Chronifizierung neigen und sich rasch viele Fehlstunden ansammeln.

Ziel der Behandlungspartner ist es, den Schulbesuch so schnell wie möglich wieder anzubahnen. Hierzu sind Konzepte in Schulen ebenso vonnöten wie eine rasche Überweisung zu medizinischen Einrichtungen wie der Kinder- und Jugendpsychiatrie mit einer eigens dafür eingerichteten Sprechstunde oder insbesondere bei chronischen Schmerzen in das Sozialpädiatrische Zentrum (SPZ) mit der Möglichkeit der raschen stationären Aufnahme in der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin. Im Rahmen des stationären Aufenthaltes können Strategien zur

Schmerzbewältigung eingeübt und eine stufenweise Wiedereingliederung in den Schulalltag angebahnt werden. Im Rahmen der Schulvermeider-Sprechstunde in der Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie (KJPP) des Marien-Hospitals werden die Ursachen geklärt und je nach Schwere der Störung ambulante Hilfen angeboten. Oder es erfolgt ein tagesklinischer Aufenthalt.
Unerlässlich ist eine enge Zusammenarbeit mit den entsprechenden Schulen und Jugendämtern. Letztere sind die wichtigsten Partner zur Besserung ungünstiger innerfamiliärer Umstände und bei der Begleitung der Kinder und Jugendlichen in ihrem Alltag.

Vielfältige Hilfsangebote


Die Fortbildung dientw dazu, die Angebote der einzelnen Institutionen darzulegen. Jürgen Dorn, Schulamtsdirektor des Kreises Wesel, beschrieb die Problemlage und Einflussmöglichkeiten aus Sicht seines Amtes. Dr. Marion Kolb (KJPP) stellte die von ihr geleitete Sprechstunde zur Schulvermeidung mit dem Angebot der Aufnahme in die Tageklinik vor; Dr. Stephanie Boßerhoff erläuterte die therapeutischen Möglichkeiten des SPZ und der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin des Marien-Hospitals.
Wolfgang Schanzmann als Leiter des Jugendamtes der Stadt Wesel gab einen Überblick über die Hilfen zur Erziehung, die Eltern und Kinder unterstützen können. Abschließend berichtete Schulleiter Dirk Timmermann über das interne Vorgehen seiner Schule bei drohendem Schulvermeiden.

Gute Vernetzung entscheidend

In allen Vorträgen wwurde als Fazit deutlich, dass die Hilfen am effektivsten sind, wenn sie sehr rasch eingesetzt bzw. genutzt werden, um eine Chronifizierung zu vermeiden. Hierzu ist eine gute Vernetzung aller Angebote sehr entscheidend. Wünschenswert wäre eine niederschwellige Anlauf- und Koordinierungsstelle für Eltern, Schüler und Schulen, die alle Hilfsmöglichkeiten in Wesel kennt und Betroffene rasch weiterleiten kann bzw. Angebote individuell abstimmt und koordiniert.
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Neithard Kuhrke aus Wesel | 13.03.2017 | 00:11  
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