Unser täglich Phosphor gib uns heute oder: Der Brotfrevel

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moderner Brotfrevel
 
Phosphor: circuitus interruptus

Es war einmal, da trugen verschwenderische Bewohner einer heute vergessenen Stadt ihre Brote als Schuhe. So traten sie das Grundnahrungsmittel quasi mit Füßen, und so folgte die Strafe ebenfalls auf dem Fuße: der Ort wurde vom Erdboden verschluckt und hinterließ eine Mulde, die nun als das Wasser des Titisees zurückgeblieben und bekannt ist. "Brotfrevel" nannte man so eine Tat. Diese Sage verdeutlicht den Respekt vor und den Wert von Lebensmitteln auf eine sicher sehr archaische, aber prägnant-eindrucksvolle Art.

Laut Bundeszentrum für Ernährung landen durchschnittlich über 80kg Lebensmittel pro Person und Jahr nicht in Mägen, sondern in Tonnen (die Daten sind aus 2012).
Der WWF wiederum errechnete vor kürzerer Zeit, dass etwa ein Drittel der in Deutschland produzierten Lebensmittel weggeworfen werden — mit einem Gesamtgwicht von 18 Mio. Tonnen. Also Tonnen für die Tonnen.
Ich will mir nicht diese Zahlen um den moralischen Zeigefinger binden und damit herumwedeln. Eine "Du-sollst-nicht…"-Didaktik hat ohnehin ihre Bedeutung in einer "Wir-könnten-doch-mal"-Welt eingebüßt…

Mittlerweile hat es sich im Index des gesamtgesellschaftlichen Wertekanons herumgesprochen, dass die mittelalterlichen Perspektiven, der Aberglaube und das Heraufbeschwören von "Tun-Ergehen-Zusammenhängen" keine reellen Konsequenzen nach sich ziehen. Zumindest keine, die über das kurze Aufflackern von nachdenklichem, minimal schlechtem Gewissen hinausgehen würden.

Niemand wird für verschwenderischen Umgang von Lebensmitteln vom Boden verschluckt. Dennoch verschwindet etwas aus dem Boden selbst. Er verliert die Zahnräder im Getriebe des Lebens: Phosphor.

Keine Pflanze kann ohne ihn wachsen.
Und ohne Calciumphosphat hätten unsere Knochen die Konsistenz von umnachteten Gummibärchen.
Oder nehmen wir einen Stoff, von dem jeder Mensch täglich etwa die Hälfte seines Körpergewichts umsetzt: Adenosintriphosphat (ATP). Der Stoffwechsel lässt es an der Sollbruchstelle des Phosphor-Atoms zerbrechen, und aus eben dieser molekularen Dekonstruktion beziehen die Zellen ihre Energie, wie ein Knicklicht des Lebens. Sogar die DNS selbst benötigt Phosphor, als Haltegerüst der verschiedenen Basenpaare. Kein Phosphor — keine Pflanzen, keine Tiere, keine Menschen, kein Leben überhaupt.

Phosphor ist elementar: entweder ist er da, oder eben nicht - wie Handyempfang oder freundliche Zeitgenossen in Kassenschlangen. Man kann ihn nicht erzeugen oder nachbauen.

Die Zivilisierung mit ihren getrennten Bereichen der Lebensmittelproduktion (Land) und -konsum (Stadt) hat den Kreislauf bereits gestört, beziehungsweise zum Halbkreislauf heruntergestuft: wenn eine Pflanze auf dem Land Phosphor aufnimmt, um zu wachsen, wird sie entweder geerntet und in die Stadtgebiete transportiert, oder wird verfüttert und das daraus erzeugte Fleisch wird in die Stadt transportiert. Phosphor wird mit Vollgas und per one-way-Ticket in die Städte gejagt, wird von Menschen verkonsumiert und landet in der Kanalisation, in Klärwerken, in Müllhalden — es kommt überall vorbei, nur nicht in den Ackerboden zurück. Der Boden seinerseits muss durch Kunstdünger erneut auf den nötigen Phosphorgehalt gebracht werden, und der Halbkreislauf, der in den Städten endet, beginnt von vorn. Wegschmeißgesellschaft im Wortsinn eben.

Durch Lebensmittelverschwendung wird dem Boden nun noch mehr Phosphor als bereits nötig entzogen, und zwar auf sinnloseste Art und überbordender Zwecklosigkeit: noch bevor der Körper ihn aufnimmt, um ihn in den organischen Werkshallen des menschlichen Körpers zum Gebrauch zu verarbeiten, verschwindet er im Müll.

Phosphor wird in ein paar Jahrzenten sehr sehr teuer werden; Lebensmittelpreise werden explodieren und Verfügbarkeiten schrumpfen.
Diese Situation wird kommen; das ist so sicher, wie das "günstiger kriegen s'es nich!" in einem Handytarif-Lädchen.

Jetzt kommts: je bewusster und wertachtsamer wir mit Lebensmitteln umgehen, desto weiter verschieben wir diesen Moment in die Zukunft. Je weniger wir unverbraucht entsorgen, desto weniger Phosphor entziehen wir dem Landboden. …Wie viele Phosphor-Atome sind schon sinnlos in Lastern kutschiert worden, ohne jemals ihr echtes biologisches Einsatzziel auch nur gestreift zu haben?

Wir haben (noch) die Möglichkeit, an unseren Begriffen von Fairness, Vernunft, Maßvölle, Gerechtigkeit, Vernunft und — vor allem — Menschlichkeit zu werken, denn dies alles werden wir brauchen, wenn oben beschriebenes Szenario eintrifft: wenn Nahrung sich durch gröbsten und brutalsten Mangel den Wert zurückerobert, den ihr kleine Preise und riesige Mengen abgesprochen haben.

Kein feel-good-Thema — das ist mir bewusst. Aber durch bewusstere Haushaltung ein Leichtes, es für sich selbst und persönlich abzuhaken.

TK
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3 Kommentare
Dirk Bohlen aus Wesel | 14.01.2018 | 11:36  
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Timmy Kampmann aus Wesel | 14.01.2018 | 15:51  
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Siegmund Walter aus Wesel | 14.01.2018 | 17:30  
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