Bürgerfunker wünschen sich bessere Sendezeiten

Lebendig und nah dran am Hörer sollte der engagierte Bürgerfunk sein. Hier unterhält sich Moderator Michael Winkler (links) mit Pfar­rer Wolfram Gauhl im RuhrstadtStudio Witten über die Kaffee-Initia­tive „Der Pott kocht fair“. (Foto: www.ruhrstadtstudio.org / Marek Schirmer)
Witten: Bürgerfunk aus dem Ev. Krankenhaus Witten | Der Bürgerfunk war einst dazu gedacht, Bürgermeinung ins Radio zu bringen. Statt Offene Kanäle einzurichten, verpflichtete der Gesetzgeber in NRW die privaten lokalen Radiostationen dazu, einen gewissen Anteil ihrer Sendezeit, der sich nach den selbst produzierten Sendestunden richtete, an freie Bürgerfunkgruppen abzugeben. Meinungsvielfalt sollte somit garantiert und ein Meinungsmonopol verhindert werden. Meinungspluralität nennt man dies. Da die freien Gruppen eine Förderung bekamen, war es ihnen möglich, die Technik, aber auch zum Beispiel Versicherungen für Gerätschaften, zu finanzieren. Auf diese Weise bewahrten die Gruppen ihre Unabhängigkeit.
Einen leichten Stand hat der Bürgerfunk heute nicht. Er läuft versteckt im Abendprogramm der privaten Radiostationen vor Ort, in vielen Gemeinden ist er längst Geschichte. Warum das so ist, das erklärt im Folgenden Michael Winkler. Michael Winkler (60) ist Dozent am Fachseminar für Altenpflege des Diakonischen Bildungszentrums in Witten. Und er ist Mitbegründer des RuhrstadtStudios Witten, das 1976 den Betrieb aufnahm und ursprünglich als Krankenhausfunk Patienten im Evangelischen Krankenhaus Witten mit Musik und Informationen unterhielt. Am 29. Juli 1992 lief die erste im RuhrstadtStudio produzierte Bürgerfunksendung auf den Frequenzen des seinerzeit neuen privaten Radiosenders vor Ort, "Radio EN" (heute: "Radio Ennepe-Ruhr"). Im Mai besuchte Winkler die Fachtagung „Gesichter des Bürger­funks“, die die Landesanstalt für Medien (LfM) gemeinsam mit dem Landesarbeitskreis Bürgerfunk und dem Medienkompetenz-Zentrum in Bad Honnef durchführte.

Dazu hat er den folgenden Bericht verfasst, der sich auch mit den Problemen des Bürgerfunks auseinandersetzt:

Im Juli kann ich ein kleines persönliches Jubiläum feiern: Genau vor 20 Jahren strahlte unser Lokalsender einen 52-minutigen Bürgerfunk-Beitrag aus, an dem auch ich beteiligt war. „Radioküche“ hieß die Sendung damals und war im RuhrstadtStudio mit sechs Leuten produ­ziert worden. Nach 16 Jahren hausinternem Krankenhausfunk waren wir Radio-Amateure ganz stolz, erstmalig „on air“ über Antenne auf UKW über­all im Ennepe-Ruhr-Kreis gehört zu werden.
In den Folgejahren waren wir alle schwer aktiv: Es bildeten sich drei Gruppen, die kirchliche, medizinische, soziale und kulturelle Themen mit lokalem Bezug produzierten. Oft waren wir bis zu dreimal pro Monat zu einer günstigen „Prime-time“ im Lokalfunk zu hören. Wir konnten aus­führ­lich mit selbst ausgesuchter Musik unsere Sendungen gestalten – und man hörte uns „draußen“ sogar.
Das änderte sich schlagartig, als Mitte 2007 die schwarz-gelbe Landesregierung die sogenannte Minutenförderung kappte und anstelle dessen mit einer Geset­zesnovelle des Landesmediengesetzes die Projektförderung einführte. Das war für viele Bürgerfunkgruppen in NRW das Ende ihrer Aktivi­täten, denn nun mussten sie alles (von der technischen Studioeinrich­tung bis hin zu den Tonträgern) selbst finan­zieren.
Bei uns in Witten schrumpfte die Gruppe von semi-professionellen Aktiven von zehn auf sage und schreibe drei Mann, die jetzt nur noch ein bis zwei Sendungen pro Quartal (!) fabrizieren. Grund für diese wenigen Einsätze ist neben den erschwerten Förderbedingungen (aus­schließlich für Jugend- und Schülerthemen) die extrem schlechte Sen­dezeit um 21 Uhr an Werktagen. Nur der Sonntag ist mit 19 Uhr noch akzeptabel für den „Offenen Kanal“.
Neugierig machte mich daher die Fachtagung „Gesichter des Bürger­funks“, die die Landesanstalt für Medien (LfM) im Mai gemeinsam mit dem Landesarbeitskreis Bürgerfunk und dem Medienkompetenz-Zentrum in Bad Honnef durchführte. Nah am Rhein wollte die Tagung zugleich Forum, Branchentreff, Ser­vicestelle, Programm- und Zu­kunftswerkstatt, Klausur und Treffpunkt sein.
Und ich wurde angenehm überrascht, denn es gibt sie noch: die Bür­gerfunker. Viele haben sich (vor allem im Rheinland) auf die kompli­zierte und aufwendige Projektförderung in Schule und Jugend­arbeit eingelassen. Aber es gibt auch einige Unerschütterliche, die ihr Ding selbstfinanziert weitermachen – mit erstaunli­ch zeit­lichem und gesell­schaftlichem Engagement.
Da sind zum einen die Macher aus Hagen-Haspe („Haspe und Sport“) und zum anderen die Aktiven vom Förderverein Lokalfunk Iserlohn, die mit einem unglaublichen Elan und einer ebensolchen Themenviel­falt teilweise mehrmals wöchentlich senden. (Siehe dazu ihre Home­page unter www.radio-iserlohn.de). Genauso bewunderns- und lobens­wert ist die Arbeit der Bürgerfunkgruppe „GenialVital“ aus Herten.
Ihre Internetseite (www.genialvital-herten.de) lässt den Leser stau­nen. Denn erst seit 2005 besteht diese Gruppe! Mit ausführlichen Beschrei­bungen, Fotos über ihre Arbeit und natürlich mit Podcasts ihrer The­men zum nachträglichen Reinhören beweisen die Macherinnen und Macher (die zum größeren Teil schon im Rentenalter sind), wie krea­tiv das gute alte Dampfradio sein kann, wenn es professionell, authen­tisch und handgemacht ist. Ihr größter Erfolg war die Preisverleihung in der Düsseldorfer Staatskanzlei im Dezember 2010, als GenialVital zu den Gewinnern bei „NRW denkt nach(haltig)” gehörte.
Genau diese Paradebeispiele führten dazu, dass die NRW-Bürger­fun­ker die Vertreter der LfM aufforderten, die Sendezeiten für den Bür­gerfunk zu verbessern! Konkret heißt das, montags bis freitags um 20 Uhr und an beiden Wochenendtagen um 19 Uhr im Lokalradio senden zu können. Darüber hinaus müssen die Richtlinien für Schulun­gen und Zertifizierungen vereinfacht werden. Diese Forderungen sol­len auch weitergeleitet werden an die neue rot-grüne Landesregierung. „Denn“, so eine Teilnehmerin aus Iserlohn, „die Anerkennung für un­ser bür­gerschaftliches Engagement fehlt seit fünf Jahren.“
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