Zeitkapseln geöffnet - Der Rathausturm offenbart seine Geheimnisse

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Archivarin Ana Muro, Stadtarchiv-Leiterin Dr. Martina Kliner-Fruck und der städtische Bauingenieur Udo Klapp (von links) zeigen einen Teil der Funde der am Tag des offenen Denkmals in einer kleinen Ausstellung im Rathausturm zu sehen sein wird. Auch im Bild zu sehen - ein Foto der größtenteils noch nie veröffentlichten Fotos die im Stadtarchiv erst in diesem Jahr bei einer Aktensichtung entdeckt wurden. (Foto: Foto: Jörg Fruck)
Witten: Rathaus |

„Eine Zeitkapsel für die neue Spitze des Rathausturms“ hieß es Anfang August, als in der neuen Turmspitze, der so genannten Bekrönung, einige Dokumente und Münzen der Gegenwart „versteckt“ wurden. Was Stadtarchiv-Leiterin Dr. Martina Kliner-Fruck und der städtische Bauingenieur Udo Klapp bisher noch nicht verraten hatten: Im Turm wurden im Rahmen der Restaurationsarbeiten auch alte Zeitkapseln gefunden.

Zeitkapsel nennt man die Tradition, zeittypische Dinge und Informationen für nachfolgende Generationen in einem Behälter zu bewahren und zu dokumentieren, der erst nach Ablauf eines bestimmten Zeitintervalls wieder geöffnet werden darf. Kliner-Fruck und Klapp geben jetzt bekannt, dass der neuen Zeitkapsel spannende Funde vorausgingen. Im April und Juli dieses Jahres stieß man im wahrsten Sinne auf alte Schätzchen: Münzen und Dokumente, die man im Jahr 1926 in der Turmspitze „verzeitkapselt“ hatte.
Am 4. April fand der Spengler Guido Lämmel bei der Demontage der alten Bekrönung der Rathausturmspitze in deren Sockel eine handgefertigte Schatulle aus Kupfer. Inhalt dieses Behältnisses waren drei Geldmünzen, eine Gedenkmedaille, 23 Banknoten und Geldgutscheine aus der Inflationszeit, eine Visitenkarte und ein kleines Buch. Neben dieser „Zeitkapsel“ aus dem Jahr 1926 fand sich ein weiteres Druckwerk, das zwar identifiziert, jedoch nicht mehr restauriert werden konnte.
Am 6. Juli wurde beim Rücktransport der alten Turmbekrönung zudem ein zylindrisches Kupferrohr entdeckt, das ein Dokument mit handschriftlichen Angaben zum Turmhersteller in den Jahren 1925/1926 enthielt.

Der „Milliarden-Fund“

Ein Teil des Fundes waren sage und schreibe eine Milliarde zweihundertachtundsechzig Millionen siebenhundertsiebenundsiebzigtausendachthundertachtundfünfzig Mark und sechzig Pfennig. Kurz: 1.268.777.858,60 Mark! Da sie vorwiegend aus der Zeit der Hyperinflation stammen, lässt sich daraus aber weder die heutige Rathaussanierung finanzieren noch der städtische Haushalt sanieren. Der Sammlerwert des „Milliarden-Fundes“ liegt heute nach Auswertungen des Stadtarchivs zwischen 75 und 80 Euro. Und dennoch: „Der ideelle Wert der Zeitkapsel ist enorm“, freut sich Dr. Martina Kliner-Fruck. Und Udo Klapp ergänzt: „Damit hatten wir wirklich nicht gerechnet, weil Zeitkapseln eher typisch für Sakralbauten waren.“ Das zeige, dass der Rathausbau trotz der sehr schwierigen Zeiten eine hohe Bedeutung hatte.
Die Stadtgemeinde Witten gab aufgrund der Zahlungsmittelknappheit eigenes Notgeld heraus. Der erste Schein hatte den Wert von einer halben Millionen Mark und wurde am 9. August 1923 gedruckt. Nachdem die damalige Reichsregierung die Herstellung von städtischem Notgeld im September 1923 verboten hatte, gab die Stadt ihren letzten Notgeldschein mit dem Wert von fünf Billionen zum 13. November 1923 heraus.
Das Stadtarchiv nahm die Fundstücke in Obhut und ließ sie restaurieren. Ein Teil davon wird nun am Tag des offenen Denkmals am kommenden Sonntag, 10. September, in einer kleinen Ausstellung im Rathausturm zu sehen sein, zusammen mit Reproduktionen von Lichtbildaufnahmen aus den Jahren des Rathausbaus (1914-1926). Diese größtenteils noch nicht veröffentlichten Fotos wurden im Stadtarchiv erst in diesem Jahr bei einer Aktensichtung entdeckt. Das Kulturgut muss nun dringend zur Sicherung digitalisiert werden. Das Team des Stadtarchivs lädt alle Interessierten ein, am Sonntag einige Stufen im Innern des Rathausturms zu erklimmen, um sich einen Teil des historischen Fundes anzuschauen.
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