Flüchtlingshilfe in Witten: „Manchmal hatte ich nur Tränen in den Augen“

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Dreimal am Tag bekommen die 158 Menschen in der Jahrhalle Mahlzeiten gereicht – morgens und abends gibt es Brote, mittags eine warme Mahlzeit. Ohne die Unterstützung zahlreicher Ehrenamtlicher wäre das kaum zu schaffen. (Foto: KircheHaWi)
 
Fröhlich und geduldig warten die Männer und Frauen bei der Essensausgabe in der Jahnhalle. Kulturelle und religiöse Besonderheiten werden auch bei den Mahlzeiten berücksichtigt. (Foto: KircheHaWi)
 
Brigitte und Eckard Obenaus aus der Kirchengemeinde Stockum: Dreimal am Tag bekommen die 158 Menschen in der Jahrhalle Mahlzeiten gereicht – morgens und abends gibt es Brote, mittags eine warme Mahlzeit. Ohne die Unterstützung zahlreicher Ehrenamtlicher wäre das kaum zu schaffen. (Foto: KircheHaWi)
Witten: Jahnhalle |

„Für Christen ist Helfen selbstverständlich“, sagt Nicole Schneidmüller-Gaiser, Sprecherin des Evangelischen Kirchenkreises Hattingen-Witten. „Nächstenliebe und Gastfreundschaft – das sind zentrale Themen im christlichen Selbstverständnis. Die Bibel ist voll von Geschichten über Flucht und Wanderung, aber auch über Gesten der Hilfsbereitschaft. In diesen Tagen engagieren sich viele Christinnen und Christen mit großer Selbstverständlichkeit in den zentralen Aufnahmestellen des Landes, etwa in der Turnhalle Jahnstraße.“

Nicole Schneidmüller-Gaiser hat in einem Artikel die Begegnungen und Erfahrungen von Wittenern mit den Flüchtlingen, die zurzeit noch in der Jahnhalle untergebracht sind, beschrieben. Ein Bericht, der Mut macht.

Von Nicole Schneidmüller-Gaiser

"Meine Brüder, was nützt es, wenn einer sagt, er habe Glauben, aber es fehlen die Werke?... Wenn ein Bruder oder eine Schwester ohne Kleidung ist und ohne das tägliche Brot und einer von euch zu ihnen sagt: Geht in Frieden, wärmt und sättigt euch, ihr gebt ihnen aber nicht, was sie zum Leben brauchen - was nützt das?" (Jak 2,14-16).

Wenn in den Kommunen des Landes in diesen Tagen das Telefon klingelt, müssen die Bürgermeisterinnen und Bürgermeister immer damit rechnen, dass es der Regierungspräsident ist, der einen Bus voller Flüchtlinge anmeldet. Oft liegen nur ein paar Stunden zwischen dem Anruf und der Ankunft der meist völlig erschöpften Männer und Frauen, deren Flucht sie nach Monaten, manchmal auch Jahren, nach Deutschland geführt hat.
Die Erstaufnahme-Einrichtungen in Dortmund und Bielefeld sind an manchen Tagen überfüllt und werden vorübergehend geschlossen; dann werden Hunderte Syrer, Albaner, Afghanen oder Inder, nun ja, wie soll man es anders ausdrücken, in den Kommunen „geparkt“. Manchmal nur für ein paar Stunden, manchmal für einige Wochen.
Auch kleinere Städte helfen mit Turnhallen und Schulen aus – und zeigen dabei eine beeindruckende Solidarität mit den Flüchtlingen. Als in Witten mitten in den Sommerferien die Ankunft von 158 Gästen angekündigt wurde, standen fast ebenso viele Bürger parat, um die Männer, Frauen und fast 50 Kinder zu begrüßen. Darunter auch Notfallseelsorgerinnen unseres Kirchenkreises wie Pfarrerin Heike Bundt: „Die logistische Leistung, die bisher von vielen Hauptamtlichen und Freiwilligen erbracht wurde, ist großartig“, berichtet sie vom ersten Einsatz und dem Engagement unter der Federführung des DRK. „Die Flüchtlinge kommen aus sehr unterschiedlichen Regionen. Russisch, Arabisch, Hindi, Französisch, Persisch, Libanesisch sind die Sprachen, die ich gerne gekonnt hätte.“
Es ist knapp zwei Monate her, dass der Evangelische Kirchenkreis auf seiner Sommersynode beschlossen hat, durch die Benennung von zwei Flüchtlingsbeauftragen auch nach außen sichtbar zu machen, dass Christen diesen Dienst am Nächsten als eine zentrale Aufgabe wahrnehmen. Doch in der aktuellen Zeit zeigt sich, dass viele Gemeindeglieder auch selber aktiv werden und anpacken, wo es ihnen möglich ist.

Helferin fühlt sich beschenkt: „Manchmal hatte ich nur Tränen in den Augen“

Katrin Hellmann aus der Martin-Luther-Kirchengemeinde steht am Wochenende in der Turnhalle Jahnstraße und teilt Hygieneartikel und Wäsche an die Flüchtlinge aus. Eigentlich ist sie es ja, die ihre Freizeit gibt – doch die junge Christin fühlt sich nach dem Einsatz als Beschenkte: „Ich bin überwältigt und geschafft: Nach fast fünf Stunden mit vielen anderen tollen Helfern kann ich jedem nur raten, das auch mal zu tun. Die glücklichen Kinderaugen, wenn man Kuscheltiere verteilt oder einfach nur einen Erdbeerjoghurt zum Abendbrot rausgibt - das gebrochen gesprochene ,Danke schön' und ,Schlaf gut' von Menschen, die gerade erst unsere Sprache lernen - was man dabei empfindet, kann man nicht in Worte fassen. Manchmal hatte ich einfach nur Tränen in den Augen“
Beim Besuch in der Turnhalle ein paar Tage später zeigt Kreisrotkreuzleiterin Tanja Knopp, was die Ehrenamtlichen in nur einer Woche schon geschaffen haben: Ein Teil der Aufenthaltshalle ist abgetrennt, dahinter werden gespendete Spielzeuge, Koffer, Schuhe und vor allem Kleidung gesammelt. In Regalen liegt Kinderkleidung, ordentlich nach Größen sortiert. In einer Ecke hängen bunte Bilder; hier haben Jugendliche wie die 17-jährige Michelle Worien mit den Kindern auf spielerische Art erste Sprachübungen gemacht. Auch für die Erwachsenen gibt es einen Deutschkurs – statt „Sonne“ und „Kirsche“ stehen hier allerdings Wochentage, Mahlzeiten und Zahlen auf den Flipcharts.

Nicht gezögert, als der Aufruf zur Mithilfe kam

An der Essensausgabe warten Brigitte und Eckard Obenaus aus der Kirchengemeinde Stockum. „Wenn man Gäste hat, kümmert man sich doch auch um sie“, erklären sie leichthin ihr Engagement. Für die beiden Christen gab es keinen Grund, zu zögern, als sie den Aufruf zur Mithilfe sahen. „Unser Sohn ist in Dortmund aktiv, da können wir doch nicht hintanstehen“, scherzt Eckard Obenaus, zupft an seiner weißen Haube und lacht.
Diese Fröhlichkeit der Helfenden überträgt sich auch auf die Menschen, von denen einige vielleicht eine Zukunft in Deutschland haben, von denen viele aber sicher auch irgendwann in ihre Heimatländer zurückkehren werden. Sie werden das Bild eines gastfreundlichen Landes mitnehmen, in dem Menschen fröhlich teilen, was sie haben und mit Fußballspielen, Reitstunden für die Kinder, Ausflügen in die Umgebung und Häkelkreisen helfen, die Zeit bis zur Abreise zu verkürzen.

„Die Wittener Bevölkerung ist wirklich grandios!“

„Die Wittener Bevölkerung ist wirklich grandios!“, freut sich auch DRK-Mitarbeiterin Kimberley Munce, die wie viele hier ihre Ferien hier in der Turnhalle verbracht hat. Nun hofft sie, dass die Hilfsbereitschaft auch weiterhin anhält. „Wer uns unterstützen kann, sollte sich entweder bei unserer Einsatzleitung melden oder online über das Team Westfalen.“

Infos:
Auch in den Gemeinden des Kirchenkreises gibt es Angebote, mit denen Flüchtlingen das Einleben erleichtert werden soll und in denen sich Ehrenamtliche einbringen können. So kommen in Wengern Flüchtlinge, die in der Alten Feuerwache untergebracht sind, regelmäßig zu den Gottesdiensten, in den Feierabend-Gospel Chor, zum Kaffeetrinken und andere Kreise, die sie interessieren. In der Gemeinde Wengern gibt es Frauen, die privat Sprachkurse anbieten, Ausflüge machen und den Alltag erklären.
Seit nunmehr fast 40 Jahren bieten ehrenamtliche Helferinnen in der Kleiderzentrale der Ev. Kirche Heven, einer der ältesten Kleiderzentralen, hilfsbedürftigen Menschen gebrauchte, aber gut erhaltene Kleidungsstücke an. Schon seit etlichen seit Wochen werden dort auch Kleidungsstücke speziell für Flüchtlinge sortiert.
Die Kleiderzentrale, Schulze-Delitzsch-Str. 2b, ist jeden Mittwoch zwischen 15 und 18 Uhr geöffnet. Ansprechpartnerin ist Martine Bukow (Telefon: 0 23 02 /6 55 66)
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Manuela Burbach-Lips aus Dortmund-City | 26.08.2015 | 11:01  
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Hanni Borzel aus Arnsberg | 26.08.2015 | 21:18  
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Christoph Nitsch aus Bochum | 26.08.2015 | 21:31  
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Jochen Menk aus Oberhausen | 26.08.2015 | 21:36  
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Hanni Borzel aus Arnsberg | 26.08.2015 | 21:46  
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Jochen Menk aus Oberhausen | 26.08.2015 | 22:16  
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Anastasia-Ana Tell aus Essen-Ruhr | 29.08.2015 | 13:56  
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