Heimisch im fremden Land

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„Wir sind wie eine große Familie", sagen die Teilnehmer des Deutschkurses der Caritas. Und noch eines verbindet sie: der Verlust der Heimat.
 
Die Flüchtlinge und Migranten aus aller Herren Ländern wissen: Nur, wenn sie Deutsch lernen, können sie sich hier in unserer Welt zurechtfinden.
Witten: Caritas-Verband |

20 Menschen sitzen um einen langen Tisch, ihre Blicke ruhen konzentriert auf den Arbeitsblättern vor ihnen. Die Bildung des Perfekts steht heute auf dem Programm.

Es ist der Deutschkurs des Fachdienstes Integration und Migration des Caritas-Verbandes Witten. Viele der Teilnehmer stammen aus Syrien, dem Irak und dem Libanon. Sie sind vor dem Krieg und dem Terror aus ihren Heimatländern geflohen und bauen sich nun in Witten ein neues Leben auf. Auch in diesem Jahr werden die Flüchtlingszahlen weiterhin drastisch steigen. Der Caritas-Verband Witten rechnet mit 350 neu ankommenden Flüchtlingen.
Najeh Shekmosa und seine Familie leben seit acht Monaten in Witten. Lächelnd zeigt er auf seinem Handy ein Foto seiner beiden Töchter, für die er hier eine bessere Zukunft sieht. „Meine Herkunft wird immer Syrien bleiben. Aber ich fühle mich fremd im eigenen Land ohne Sicherheit. In Witten herrscht Frieden und Freiheit, hier gibt es keine Probleme. Wenn ich meine Kinder glücklich aufwachsen sehe, bin ich auch glücklich“, sagt der 33-jährige. Balsam Alsaoor, die aus dem Irak stammt, stimmt ihm zu. „Heimat ist Heimat, aber wir lieben Deutschland. Die Menschen sind nett und wir leben frei“, so die 44-jährige.
Der Deutschkurs ist für die Migranten nicht nur ein Ort des Lernens. Er ist ein Treffpunkt, an dem sie mit ihren Freunden zusammen sein können. „Wir sind wie eine kleine Familie. Die Flüchtlinge tun mir mehr gut als das, was ich für sie tue“, sagt Riadh Ben Khelifa. Der ehrenamtliche Mitarbeiter leitet die heutige Stunde. Mithilfe eines Tafelbildes erklärt er die deutsche Grammatik, die den Teilnehmern durchaus Schwierigkeiten bereitet.
Riadh Ben Khelifa ist Tunesier. Er wurde in Deutschland geboren und hat mit seiner Familie einige Jahre in Tunesien gelebt. Nachdem sie dort bedroht worden waren, kehrte er 2012 mit seinen Eltern nach Deutschland zurück. „Heimat ist da, wo man sich wohl fühlt und wo man ankommt. Jeder Mensch ist das Gesamte aus dem, was er erlebt hat. Ich habe sowohl deutsche, als auch tunesische Prinzipien gelernt. Ich habe das Glück, das Beste aus beiden Seiten genommen zu haben“, sagt er.
Ein paar Räume weiter den Flur hinunter sitzt Maria Gavrish in ihrem Büro. Auch sie betreut die Flüchtlinge und berät sie in allen Lebenssituationen. Innerhalb einer Stunde nehmen vier Migranten auf den Stühlen vor ihrem Schreibtisch Platz.
Die 53-jährige kann deren Situation gut nachempfinden. Sie weiß, wie es sich anfühlt, ohne ein Wort Deutsch zu sprechen in ein fremdes Land zu kommen. Als Deutsche wurde sie in Russland geboren und hat dort 43 Jahre lang gelebt. „Heimat ist nicht dort, wo man geboren ist und wo man seine Kindheit verbracht hat. Heimat ist ein intensiveres Gefühl. Es ist der Ort, den man vermisst, wenn man wegfährt, der Ort, an den man mit Freude und Stolz immer zurückkehren möchte“, sagt sie. Maria Gavrish blickt nicht mehr nach Russland zurück, denn sie und ihre Familie lieben Witten. Sie sind angekommen in Deutschland.
Aus eigener Erfahrung weiß sie, dass dies eines der entscheidenden Schlüssel zur Integration ist. Integration fange im Herzen und mit Kontakten an. Es hat Leute gegeben, die ihr Mut geschenkt und an sie geglaubt haben. Diesen Leuten müsse man vertrauen. Nun ist es die Aufgabe von Maria Gavrish und Riadh Ben Khelifa, den Flüchtlingen und Migranten den richtigen Weg zu zeigen.
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