1000 Borussen laufen zu Ehren Heinrich Czerkus'

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Start zum elften Heinrich-Czerkus-Gedächtnislauf
 
Borussen jedes Alters treffen sich am Stadion Rote Erde.

„Spielt der BVB denn schon heute?“, fragt die Dame in der U-Bahn auf dem Weg zum Westfalenstadion am Karfreitagmittag angesichts der rund zehn Frauen und Männer, die sich in Fankleidung als Anhänger der Schwarzgelben zeigen.

Nein, ihr Auftreten an einem heiligen Feiertag in dieser Art und Weise hat einen anderen Hintergrund. Sie sind auf dem Weg zum Stadion Rote Erde, dem Spielort der Borussia, bevor nebenan der heutige Signal-Iduna-Park Heimat des BVB wurde. Dort treffen sich am Karfreitag seit elf Jahren Borussen, um eines der Ihren zu gedenken: Heinrich Czerkus.

Wer war Heinrich Czerkus?

Heinrich Czerkus saß in den 30er Jahren für die KPD im Dortmunder Stadtrat und war beruflich als Platzwart für das Stadion Weiße Wiese, der ersten Spielstätte von Borussia Dortmund, tätig. Als überzeugter Widerstandskämpfer verteilte er Flugblätter gegen die Nazis, die er teilweise sogar auf Vervielfältigungsmaschinen von Borussia Dortmund herstellte. Immer wieder gelang es ihm, sich dem Zugriff der Gestapo zu entziehen, bis zum Frühjahr 1945. Im April wurde er festgenommen und rund um den Karfreitag 1945 zusammen mit rund 300 anderen Gefangenen, darunter viele vor allem aus Frankreich stammende Zwangsarbeiter, im Rombergpark und der Bittermark von der SS ermordet und anschließend verscharrt. 1954 schließlich wurden die Ermordeten gemeinsam in der Bittermark beerdigt, unter ihnen auch Heinrich Czerkus.

Ihn zu ehren, machen sich um 13 Uhr rund 1000 Kinder, Frauen und Männer auf den etwa sieben Kilometer langen Weg zur Bittermark. Es ist schön. Die Sonne scheint, Vögel zwitschern in den Frühling hinein. Auch unter den Teilnehmern herrscht eine angenehme, freundliche Atmosphäre. Ein friedlicher schwarzgelber Lindwurm schlängelt sich durch die Bolmke in Richtung Rombergpark, durch ihn hindurch, am Zooeingang vorbei. Zahlreiche Spaziergänger bleiben stehen. Offene Münder und große Fragezeichen auf den Gesichtern zeigen Unwissen: „Was machen die denn da???“ Weiter geht der Weg durch Lücklemberg bis zum Augustinum. Nun beginnt der Anstieg durch die Bittermark bis zum Mahnmal, an dem seit mittlerweile mehr als 60 Jahren der Ermordeten im April 1945 gedacht wird.

Botschafter der Erinnerung

Der Weg ist ein Weg der Erinnerung, gestaltet von den Botschaftern der Erinnerung. Dies sind junge Menschen, Schüler und Studenten aus Dortmund, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, das Denken über und das Gedenken an den Nationalsozialismus und deren Opfer wach zu halten. Zwei von ihnen führen auch durch das Programm des Nachmittags, in dessen Verlauf neben Dortmunds Oberbürgermeister Ulrich Sierau auch Jean Chaize zu Wort kommt. Der 93 Jahre alte Vorsitzende des Verbandes französischer Zwangs- und Arbeitsdeportierter ist einer der letzten Überlebenden des Zweiten Weltkrieges und mit Sohn, Enkel und Urenkel nach Dortmund gekommen. Sein Ruf an die Kundgebungsteilnehmer: „Es lebe Deutschland! Es lebe Frankreich! Es lebe der Frieden!“ wird mit großem Applaus begleitet.

Es ist eine bunte Veranstaltung. Neben den roten Fahnen von SJD, SDAJ, MLPD wehen die von Gewerkschaften, der VVN, der Partei und natürlich des BVB im Karfreitagswind. Schließlich singen alle das Lied von den Moorsoldaten, eine Hymne gegen den Faschismus.

Ach, und die Dame aus der U-Bahn? Ihr wird erklärt, warum Borussen schon am Freitag auf dem Weg zum Stadion sind. Und sie ernten Respekt und aufmunternde Zustimmung: „Macht was gegen den braunen Mob auf unseren Straßen! Die wollen wir in Dortmund nicht haben!“
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3 Kommentare
Thomas Meißner aus Witten | 05.04.2015 | 18:09  
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Manuela Burbach-Lips aus Dortmund-City | 05.04.2015 | 18:34  
Thomas Meißner aus Witten | 06.04.2015 | 23:14  
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