Der Bürgermeister

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Xanten: Marktplatz | Die Stadt hatte eine Idee. Mit relativ wenig Aufwand wurde eine Glasvitrine am Rand des Marktplatzes errichtet, die in mehreren Fächern Bücher präsentierte. Ein Kinderbuchfach ganz unten, und darüber diverse Fächer gedacht für Erwachsenenliteratur, die jeder hinzufügen konnte, der wollte. Ebenso einfach war es, die Tür zu öffnen, um sich das eine oder andere Buch heraus zu nehmen, um es zu lesen.

Ich hatte bereits zwei Exemplare von Interesse gefunden und dachte über eine Spende nach. Waren da nicht noch drei prall gefüllte Umzugskisten verstaubender Literatur, die mal wieder das Licht der Welt verdienten? Schnell kamen drei Plastiktüten voll zusammen. Simmel mag mir verzeihen, und „Die Caine war ihr Schicksal“ offenbarte sich mir bereits in meiner Jugendzeit.

Ich war soeben dabei die erste Tüte zu öffnen, um den alten Büchern ihre letzte Unruhe zu geben, als sich lautstark eine Schulklasse samt Lehrer näherte, und die Vitrine in ihr Blickfeld geriet. Der Lehrer war es, der die schriftliche Erklärung an der Seite der Vitrine entdeckte, und sofort durcheinander aufwirbelnde Fragen beantworten konnte. Ich hatte die Tür ja aufgedrückt, um meine alten Schinken los zu werden, kleine Finger langten bereits ins Untergeschoss....

„Hört mal alle her! Pssssst!“

Alle nicht, aber die meisten lauschten dem Text zur Erklärung an der Vitrine.

„Liebe Bürger und Besucher der Stadt Xanten!
Diese Vitrine gibt Bürgern, wie auch Besuchern die Möglichkeit, sich an dieser Stelle ein Buch auszusuchen....“

„Was seid ihr denn nun, Bürger oder Besucher?“

„Wir sind alle Bürger!“ Ein Blondschopf krächzte etwas vorlaut die Antwort in die Runde.
„Falsch, ihr seid Besucher aus Schmallenberg!“

Und gerade als ich den Kaviar von Simmel ins obere Fach schob, blickten mich ehrfürchtig neugierige Augen an.

„Dann bist Du der Bürgermeister?????!“

„Na klar!“

Na klar war ich es nicht, fühlte mich aber für einen Moment quasi gewählt, und war mächtig stolz eine der wichtigsten Personen der Stadt zu sein und kein Verräter, der einfach seine Bücher ins Ungewisse entlässt.
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Angelika Ùllenboom aus Xanten | 26.02.2015 | 18:04  
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