Menschen hätten auf der einen Seite Angst „Zahlmeister zu werden“, während die Menschen sich in anderen Ländern vor dem sozialen Abstieg fürchten!
Gauck sagte:“ Geben und Nehmen, Verschulden und Haften, Verantwortung und Teilhabe scheinen vielen Bürgerinnen und Bürgern nicht mehr richtig und gerecht sortiert in der Gemeinschaft der Europäer.“ Weiter nannte er einige Kritikpunkte an Europa, wie die mangelnde Transparenz der Entscheidungen, das Misstrauen gegen ein unübersichtliches Netz von Institutionen und nicht zuletzt der Unwille über die wachsende Bedeutung des Europäischen Rats und die dominierende Rolle des deutsch-französischen Tandems.
Es gäbe Klärungsbedarf in Europa, benannte Gauck weitere Punkte, viele Bürgerinnen und Bürger ließe die EU mit dem Gefühl der Machtlosigkeit und Einflusslosigkeit zurück. Viele seien frustriert und unsicher entschieden weiterzugehen: „Diese Krise hat mehr als nur eine ökonomische Dimension. Sie ist auch eine Krise des Vertrauens in das politische Projekt Europa. Wir ringen nicht nur um unsere Währung. Wir ringen auch mit uns selbst“
Mehr Europa wagen!
Seinen euphorischen Satz: „Wir wollen mehr Europa wagen“, würde Gauck laut seiner Rede heute nicht mehr so schnell und euphorisch sagen. Er stellte die Fragen, wie Vertrauen gestärkt werden kann und wie zu mehr gelingendem Miteinander beigetragen werden könne!" Wie soll Europa aussehen? Was wollen wir entwickeln und stärken, was wollen wir begrenzen? Und nicht zuletzt: Wie finden wir für mehr Europa auch mehr Vertrauen, als wir es derzeit haben?"
Erinnerung an die Anfänge!
Gauck erinnerte die Zuhörer an die Anfänge der EU 1950, war Jean Monnet der Ideengeber. Sein Ziel: die Sicherung des europäischen Friedens durch eine „Vergemeinschaftung“, die den Mitgliedern gleichzeitig nationalen Nutzen versprach. Dies sei schwer umzusetzen gewesen. Doch wenn die Wirtschaft verschmelze, verschmelze laut Walter Rathenau, der dies vor 100 Jahren sagte, auch die Politik! Doch das erwies sich als schwierig umzusetzen. Durch die Aufnahme der 10 Staaten aus dem kommunistischen Lager sei die Währungsunion in eine Schieflage gekommen, die erst durch den ESM und Fiskalvertrag korrigiert wurde!
Mehr Europa ist auf erfreuliche Weise Alltag geworden!
Mehr Europa sei, so Gauck, auf erfreuliche Weise auf der anderen Seite Alltag geworden. Beispiele wie der Arzt aus Polen, von dem wir uns behandeln lassen weil sonst die Praxis schließen würde, von Schuhen aus Portugal bis hin zu Senioren die ihren Ruhestand auf Mallorca verbringen , benannte Gauck als positiv. Junge Menschen empfänden sich mehr denn je als Europäer und seien in der Tat mehr als alle Generationen vor ihnen in der Lage Europa zu bereisen und kennenzulernen. Von aussen werde Eropa schon als Ganzes wahrgenommen!“ Keine Generation vor Euch hatte so viele erfreuliche Gelegenheiten, sagen zu können: Wir sind Europa! Ja, Ihr erlebt tatsächlich „mehr Europa“ als alle Generationen vor Euch! “ Er führte aus, wie das für die junge Generation heute aussieht, von Klassenfahrten bis über mehrsprachigen Schulunterricht, von gemeinsamer Währung bis hin zu Erasmus und anderen kulturellen Austauschmöglichkeiten.
Sorge bereitet Gauck allerdings das Bild der EU von Deutschland als Wirtschaftsmacht.
„Ich war erschrocken, wie schnell die Wahrnehmungen sich verzerrten, als stünde das heutige Deutschland in einer Traditionslinie deutscher Großmachtpolitik, gar deutscher Verbrechen. Nicht allein populistische Parteien stellten gar die deutsche Kanzlerin als Repräsentantin eines Staates dar, der heute angeblich wie damals ein deutsches Europa erzwingen und andere Völker unterdrücken will.
Doch ich versichere allen Bürgerinnen und Bürgern in den Nachbarländern: Ich sehe unter den politischen Gestaltern in Deutschland niemanden, der ein deutsches Diktat anstreben würde. Bis jetzt hat sich die Gesellschaft rational und reif verhalten. In Deutschland fand keine populistisch-nationalistische Partei in der Bevölkerung die Zustimmung, die sie in den Deutschen Bundestag gebracht hätte. Aus tiefer innerer Überzeugung kann ich sagen: Mehr Europa heißt in Deutschland nicht: deutsches Europa. Mehr Europa heißt für uns: europäisches Deutschland!“ An dieser Stelle setzte Applaus der Anwesenden ein.
Gauck benannte drei Punkte die ihm wichtig seien:„Frage nicht, was Europa für Dich tun kann, frage vielmehr, was Du für Europa tun kannst!“ Der Europäer Gauck hat sich seine Antworten auf eine Liste geschrieben.
Erstens: Sei nicht gleichgültig! Brüssel mag weit weg sein, aber die Themen, die dort verhandelt und beschlossen werden, gehen jede und jeden an. Es darf uns nicht egal sein, wie die EU auf Standards Einfluss nimmt, die dann bei uns im Kinderzimmer oder auf dem Esstisch wirken. Es darf uns nicht egal sein, welche Maßstäbe wir anlegen an die Außen-, Sicherheits-, Umwelt- und Entwicklungspolitik, die eben auch in unserem Namen stattfindet. Es darf uns nicht egal sein, wie die EU mit Menschen umgeht, die aus politischen Gründen ihr Land verlassen müssen.
Zweitens: Sei nicht bequem! Die Europäische Union ist kompliziert, weil sie auch Kompliziertes leisten soll. Sie hat es verdient, dass ihre Bürgerinnen und Bürger Interesse zeigen und sich informieren. Sie hat es verdient, dass mehr als 43 Prozent der Wahlberechtigten an der Europawahl teilnehmen. Und sie hat es nicht verdient, dass Brüssel zum Sündenbock gemacht wird, wo nationale Interessen oder nationales Versagen Fehlentwicklungen verursacht haben.
Drittens: Erkenne Deine Gestaltungskraft! Ein besseres Europa entsteht nicht, wenn wir die Verantwortung dafür immer nur bei anderen sehen. Es gibt so viele Möglichkeiten. Wer etwas anstoßen oder verhindern will, der nutzt die Europäische Bürgerinitiative. Wer etwas gründen oder bauen will, der kann einen Förderantrag stellen. Und wer Gutes tun und seine Nachbarn kennenlernen will, der bewirbt sich beim Europäischen Freiwilligendienst. Jede und jeder kann einen Grund finden für den Satz: Ja, ich will Europa!
Seine Rede endete mit Dank an die Europaaktivisten und mit dem Wunsch weiterzugehen mit Entschiedenheit!
Gaucks Rede im Ganzen ist hier zu lesen: http://www.bundespraesident.de/SharedDocs/Reden/DE...;jsessionid=6E27AEBEF3FB939C2E706A1CEC2AB3D9.2_cid293








