„Erst wenn die letzte Kneipe im Dorf geschlossen hat...

„Erst wenn die letzte Kneipe im Dorf geschlossen hat, wissen wir, dass etwas Wichtiges fehlt."
Jeder hat das Lied von der „kleinen Kneipe in unserer Straße, da wo das Leben noch lebenswert ist" im Ohr, kennt die Melodie dieses sich „so trivial in die Gehörgänge fressenden Liedes", gesungen von Peter Alexander. Die ZEIT nannte es einen „Lobgesang kleinbürgerlicher Gemütlichkeit".

Tatsächlich wird in ihm das ganze Szenarium einer intakten Kneipenwelt - gleichsam wie auf einer Theaterbühne - vor uns aufgebaut:
…es ist Abend, die Arbeit ist getan, aber man geht noch nicht nach Haus, sondern auf ein Bier, einen Korn, ein Gespräch in die Kneipe, dahin, wo man gleich mit jedem per Du ist, wo die Standesunterschiede verschwunden sind, wo man sich den Tageskummer von der Seele reden kann, wo man eine Lösung für persönliche Probleme und die der Welt findet, wo man vom Wirt großzügig einen Kredit auf seine Zeche bekommt…

Die Requisiten sind Tresen, Juke Box, Spielautomat, Nussautomat, Stammtisch und Wimpel, Sparkasten, Bierkrug…

Sah oder sieht so die Kneipenwelt aus?

Die Schlagzeilen der letzten Jahre berichten dies:
„Kneipensterben in Deutschland" - „Jede vierte Kneipe macht dicht" - „Letzte Kneipe im Dorf schließt - was nun?"

In Oeventrop ist es nicht anders. Von den einst 25 Kneipen im Dorf gibt es gerade noch vier. Zwei sind umgewandelt in Restaurants, der Rest ist geschlossen.
Ist dieses Lied also nur eine nostalgische Reminiszenz an eine vergangene Zeit?
Und war und ist die Kneipe tatsächlich der Ort, „wo das Leben lebenswert ist",den man sogar mit dem anspruchsvollen Wort „Kultur" in Zusammenhang setzt, wie es im Titel dieser Broschüre geschieht?

Ganz bestimmt war die Kneipe bis weit in die 2. Hälfte des vorigen Jahrhunderts Kommunikationsort, Treffpunkt nach getaner Arbeit, Nachrichtenbörse, Ort familiärer und dörflicher Feste, Treffpunkt der Stammtischler, Spielort der Kartenspieler und Versammlungsort der vielen dörflichen Vereine. In ihren Räumen fanden Übungsabende von Chören und Tanzgruppen, Vorträge, politische Versammlungen und Theateraufführungen statt.

Also war die Kneipe eine wichtige gesellschaftliche und kulturelle Einrichtung, ein durch und durch lebendiger Ort. Hier trafen sich Freunde und Fremde, hier wurde palavert und politisiert, gelacht und getrunken, gespielt und gegessen.

Aber wie bei allen menschlichen Einrichtungen war sie auch nicht ohne Makel. So war die Kneipe des Öfteren auch ein Ort, wo die Väter den Monatslohn vertranken, so dass ihre Familien in Not gerieten. Wo Menschen, es waren vornehmlich Männer, vom Alkohol nicht mehr loskamen. Wo an Stammtischen politisch agitiert und gegen Andersdenkende und Anderslebende gehetzt wurde.
Eine dunkle, aber nicht zu verschweigende Seite des Kneipenlebens.

Die Zeiten haben sich geändert: Informationsaustausch und Kommunikation finden über die neuen Medien statt, die zunehmende Mobilität hat die Begrenztheit des Dorfes aufgehoben, Entfernungen zu kulturellen Angeboten an anderen Orten spielen kaum eine Rolle, das „Feierabendbier" wird zu Hause getrunken, viele Vereine haben ihr eigenes Heim mit eigener Gastronomie, neue Gastronomiekonzepte (z.T. mit Eventcharakter) sind entwickelt worden - so ist das Kneipensterben eine logische Folge.

Und dennoch spüren wir den Verlust, spüren wir, wie unsere Dörfer, unsere Stadtviertel „veröden", wenn die Kommunikationszentren Dorfladen, Dorfkneipe, Dorfschule, Dorfkirche…nach und nach schließen. Es ist der Verlust der gemeinschftsstiftenden Einrichtungen.
Und wenn die letzte Kneipe, der letzte Laden…im Dorf geschlossen haben, wissen wir, dass etwas Wichtiges fehlt.

Bei der Recherche über die Kneipen in Oeventrop war es für die Mitglieder des Arbeitskreises oft schwierig, die Geschichte der einzelnen Gastwirtschaften zu rekonstruieren. Viele Kneipen haben nur wenige Jahre existiert, alle (mit Ausnahme des Gasthofs Schürmann) haben mehrfach den Besitzer gewechselt, die Gründergeneration lebt nicht mehr, Hauschroniken, Schankerlaubnis Urkunden oder andere Dokumente gibt es nur von wenigen Häusern, Zeitzeugen, die über das „lebendige Kneipenleben" zu berichten wissen, gibt es zunehmend weniger.

Dennoch ist eine große Zahl an Bilddokumenten, Zeitungsberichten und mündlich überlieferten Geschichten zusammengetragen worden, nicht zuletzt von Besuchern der AKO Ausstellung „Kneipenleben in Oeventrop" im Jahre 2017.

Es war ein vielfach geäußerter Wunsch der Ausstellungsbesucher, die gezeigten Bilddokumente zusammen mit der Geschichte der einzelnen Kneipen in einer Broschüre zusammenzufassen und somit ein lebendiges Stück dörflicher Geschichte festzuhalten.

Die Mitglieder des Arbeitskreises danken allen, die mit ihren Auskünften, Bildern und Geschichten zu dieser Broschüre beigetragen haben. Dank gilt auch dem „Heimatcheck" des Landes NRW für die finanzielle Förderung.

Vielleicht regt die Broschüre auch den einen oder anderen Leser an, in seinem „privaten Archiv" nach noch unentdeckten Schätzen über die Oeventroper Kneipen zu suchen und diese dann dem Archiv des AKO zu überlassen.

Für den AKO Oeventrop, 30. Oktober 2019

Ludwig Hoppe

Autor:

Ronald Frank aus Arnsberg

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