Ein Bild - Eine Geschichte

Schachmatt

Leise schlich Jonas durch die Gänge des alten Schlosses, in dem sein Opa Hausmeister war. Jedes Jahr in den Herbstferien durfte er ihn für eine Woche besuchen. Er freute sich jedes Jahr darauf, denn Opa wohnte im Schloss, in einer kleinen Wohnung unter dem Dach des Seitenflügels. Jonas liebte die Geräusche, die das alte Gemäuer machte und Opa wusste jede Menge Geschichten zu erzählen. Jedes Jahr gab es etwas Neues zu entdecken. Er hatte in den ersten Tagen das ganze Schloss erkundet und war auf eine verschlossene Tür gestoßen, die ihm bis dahin nicht aufgefallen war. Als er seinen Opa danach fragte, bekam er zur Antwort, dass er dort nichts zu suchen hätte. Aber Jonas wäre nicht Jonas, wenn er sich davon abhalten ließe. Er hatte dem Kastellan aus der Wachsfigurengruppe den großen Schlüsselring geklaut. Opa hatte ihm letztes Jahr erzählt, dass da die Schlüssel zu allen Schlosstüren dran waren. Er war zur verbotenen Tür gegangen, hatte gerade den richtigen Schlüssel gefunden und die Tür einen Spalt geöffnet, als Opa den Gang entlang gekommen war. Jonas hatte Opa noch nie so wütend gesehen. Er hatte ihm sogar angedroht, dass er ihn nicht wieder besuchen dürfe. Doch Jonas hatte bei dem kurzen Blick, den er noch in den Raum werfen konnte, ein Schachspiel entdeckt. Die geschnitzten Figuren hatten fast lebendig gewirkt und er hatte von Opa wissen wollen, wieso es nicht ausgestellt war. Opa hatte nur unwirsch geantwortet, dass das Spiel gefährlich sei und deswegen weggeschlossen werden müsse. Jonas hatte nicht weiter gefragt, aber die Neugier war geblieben. Zu seinem Unmut hatte Opa den Schlüssel vom Ring genommen und versteckt. Jonas hatte zwei Tage gesucht, bis er ihn gefunden hatte und nun war es soweit. Alles war dunkel und still. Er hatte sich davon überzeugt, dass Opa schlief. Er steckte den Schlüssel ins Schloss, drehte ihn und die Tür schwang leise auf. Er machte Licht und schloss die Tür hinter sich. Das Schachspiel war so faszinierend, wie es auf den ersten Blick ausgesehen hatte. Die Figuren waren so angeordnet, als ob vor langer Zeit ein Spiel abgebrochen worden war. Die meisten Figuren hatten sehr ähnliche Gesichtszüge, aber einige wichen davon ab. Jonas nahm einen Bauern in die Hand. Sein Gesicht war schmerzverzerrt. Jonas spürte ein Kribbeln in den Fingern und stellte die Figur zurück. Er bemerkte nicht, dass er sie auf ein anderes Feld gestellt hatte. Plötzlich fing das Spiel an zu leuchten. Jonas wollte zurückweichen, aber er konnte sich nicht bewegen. Er spürte, wie etwas an ihm zog und ihn gleichzeitig zusammenpresste. Panik stieg in ihm hoch, als die Luft um ihn herum zu flimmern anfing. Er löste sich langsam auf, wurde immer durchsichtiger. Nach einigen Augenblicken ließ das Leuchten nach und eine der Schachfiguren hatte ein neues Gesicht bekommen.
www.sabine-kalkowski-schriftsteller.de

Autor:

Sabine Kalkowski aus Bergkamen

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