Ein Bild - Eine Geschichte
Das verschwundene Schloss

Noch immer dröhnte der Klang der zuschlagenden Tür in Sinas Ohren. Er hatte etwas Endgültiges, doch konnte sie immer noch nicht glauben, dass der Abschied für immer war. Der kalte Wind drang durch ihr Kleid und ließ sie frösteln. Er wirbelte das bunte Laub zu ihren Füßen auf und erinnerte sie schmerzlich daran, dass der Winter vor der Tür stand. Sie besaß nichts außer dem Kleid, das sie trug. So war es auch vor einem Jahr gewesen, als sie im Wald nach Pilzen und Esskastanien gesucht hatte. Der Wald war für sie eine Möglichkeit, etwas zu essen und einen Unterschlupf in den Höhlen am Rande des Dorfes zu finden. An die einzige Alternative, die ihr blieb, mochte sie nicht denken. Doch wenn der Winter kam, würde sie ins Freudenhaus zurückgehen müssen. Sie erinnerte sich noch gut an Frankas hämisches Grinsen, als sie ihr prophezeite, dass sie noch vor dem Winter zurückkommen würde. Im Wald hatte sie plötzlich vor dem Schloss gestanden. Es war wie aus dem Nichts erschienen und wie im Märchen war der Prinz vor die Tür getreten und hatte sie hineingebeten. Und nun hatte sie alles verloren. Tränen rannen ihr über die Wangen und sie schluchzte laut auf. Es musste doch eine Möglichkeit geben, ihre Tat wieder gut zu machen. Vielleicht konnte sie im Schloss arbeiten, das war immer noch besser, als wieder anschaffen zu gehen. Und vielleicht konnte sie ihren Prinzen wiedersehen, wenn nur aus der Ferne. Entschlossen machte sie kehrt und ging den Weg zurück, den sie gekommen war. Der Wind nahm zu und jeder Schritt fiel ihr schwerer. Die umherwirbelnden Blätter nahmen ihr beinahe die Sicht, doch sie kämpfte sich weiter voran. Plötzlich legte sich der Wind und ein paar Sonnenstrahlen fanden ihren Weg durch die bunten Baumkronen. Sina sah sich um. Sie war sich sicher, dass sie die Stelle, an der sie das Schloss gefunden hatte, längst erreicht haben musste und tatsächlich erkannte sie die riesige Eiche, die vor der großen Treppe gewachsen war. Doch das Schloss war verschwunden. Vor ihr auf dem Weg funkelte etwas im Sonnenlicht. Sina kniete sich nieder und fand eine Handvoll Münzen. Sie klaubte sie auf und drückte sie ans Herz. „Danke!“ flüsterte sie. Das Bordell blieb ihr nun erspart. Und diese Münzen waren ein Zeichen, dass es nicht nur ein Traum war. „Ich werde dich wiederfinden, mein Prinz.“ Einige Tränen fielen auf die Stelle, an der die Münzen gelegen hatte und es war Sina, als ob eine Hand ihr sanft über die Haare strich.
www.sabine-kalkowski-schriftsteller.de

Autor:

Sabine Kalkowski aus Bergkamen

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