Ein Bild - Eine Geschichte
Einsames Weihnachten

Wütend und traurig zugleich starrte Christian auf das Meer hinaus. Stundenlang war er am Strand entlanggewandert. Seine Gedanken kreisten immer wieder um den Morgen. Heute sollte eigentlich ein glücklicher Tag werden, doch wieder einmal hatte Sandra ihn sitzen lassen. Seit Wochen hatten sie geplant, Weihnachten in dem kleinen Ferienhaus von Sandras Freundin am Meer zu verbringen. Nur sie zwei allein, ohne die nervige Verwandtschaft. Und dann hatte sie ihm heute Morgen eröffnet, dass sie über die Feiertage arbeiten müsse. Eine wichtige Präsentation für einen großen Auftrag musste erstellt werden. Sie hatte ihn mit großen Augen angesehen und um Verständnis gebeten, wie immer. Doch diesmal hatte er ihr den Gefallen nicht getan, hatte sich seinen Koffer und die Schlüssel geschnappt und sie mit den Worten: „Dann kannst du gleich in deinem Büro übernachten, ich werde hier nicht auf dich warten. Ich fahr ans Meer!“ stehen lassen.
Er hatte die Koffer in dem kalten Haus abgestellt und war an den Strand gegangen. Nun stand er hier, bis auf die Knochen durchgefroren, und versuchte sich klar zu werden, wie es weitergehen sollte. Er liebte Sandra, aber so wie es aussah, liebte sie ihren Job mehr als ihn. Es wurde langsam dunkel. Christian seufzte und seine Schultern sanken herab. Er wollte so nicht weiterleben, das war ihm mittlerweile bewusst geworden. Er schaute auf die Uhr. Wenn er jetzt losfuhr, konnte er zum Abendessen bei seinen Eltern sein. Er hörte schon die Stimme seiner Mutter. „Ich habe es dir doch gleich gesagt. Sie ist eine Karrierefrau, das wird nichts mit ihr.“ Seine Eingeweide zogen sich zusammen, jetzt nach Hause zu fahren, hieße, die Niederlage einzugestehen. Langsam machte er sich auf den Weg. Er sah die hell erleuchteten Häuser. Aus manchem geöffneten Fenster drang Gelächter und Gesang. Christian straffte die Schultern. Nein, er wollte Weihnachten nicht allein sein. Sandra hatte ihre Entscheidung getroffen und es wurde Zeit, dass er dies akzeptierte. Das Ferienhaus kam in Sicht und zu seinem Schrecken konnte er Licht durch die Vorhänge an den Fenstern dringen sehen. Er war sich sicher, dass er kein Licht eingeschaltet hatte, sollte da etwa zu Weihnachten jemand eingebrochen sein? Hatte er vielleicht vergessen abzuschließen? Er erreichte das Haus, versuchte durch die Vorhänge etwas zu erkennen, sah aber nichts. Mit klopfendem Herzen schloss er vorsichtig die Tür auf und steckte den Kopf in den Flur. Angenehme Wärme schlug ihm entgegen. Er hörte Weihnachtsmusik und ein angenehmer Essensduft lag in der Luft. Das waren keine Einbrecher! Er trat in den Flur und schloss leise die Tür hinter sich. Bei einem Blick in das Wohnzimmer entdeckte er einen kleinen, spärlich geschmückten Weihnachtsbaum. Auf dem eingedeckten Tisch stand ein Teller mit Keksen und eine Thermoskanne. Ein leises Klappern zog ihn in die Küche. Sandra hatte gerade den Herd geöffnet und schaute nun zu ihm auf. „Hey, da bist du ja. Ich habe mich schon gefragt wo du steckst.“
Christian starrte sie an. Sie war hier, sie war wirklich hier. „Was machst du hier?“ Das klang unfreundlicher, als er es beabsichtigt hatte, und Sandras fröhliche Miene erstarrte.
Sie schluckte krampfhaft und kämpfte mühsam ein paar Tränen zurück. „Ich war nur ein paar Minuten im Büro, als mir klar wurde, dass ich dich verlieren würde, wenn ich jetzt dortbliebe. Dass du mir diesmal nicht verzeihen würdest. Ich habe alles stehen und liegen lassen, bin zu meiner Freundin, habe den zweiten Schlüssel geholt und bin dir nachgefahren. Ich habe unterwegs noch etwas zu essen gekauft. Ich hoffe es macht dir nichts aus, Weihnachten Bürger und Pommes zu essen.“ Christian starrte sie nur an. Nun lief doch eine Träne Sandras Wange hinunter. „Ich will dich nicht verlieren. Du bist immer da gewesen und mir ist bewusst geworden, wie wichtig mir das ist. Viel wichtiger als der Job und die Karriere, die ich jetzt wahrscheinlich eh vergessen kann.“ Sie lachte hilflos. „Bitte sag mir, dass ich nicht zu spät gekommen bin.“
Mit zwei Schritten war Christian bei ihr und nahm sie fest in die Arme. „Nein, bist du nicht.“
www.sabine-kalkowski-schriftsteller.de

Autor:

Sabine Kalkowski aus Bergkamen

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