Ahoi Käpt’n Herbert! – Grandioser Grönemeyer-Auftritt im Rewirpower-Stadion

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„Der Himmel heult, die See geht hoch“ lautet eine Liedzeile in „Land unter“ – doch davon war im Rewirpower-Stadion beim gestrigen Konzert bei hochsommerlichen Temperaturen mal rein gar nichts zu sehen. Obwohl die orkanartigen Sympathiebekundungen der Grönemeyer-Fans ihr Idol durchaus hätten ins Schlingern bringen können. Doch Käpt’n Herbert und seine Crew, die im heimischen Hafen in Bochum ankerten, hatten gekonnt die Segel gesetzt, umschifften mit sicherem Gespür jede Klippe und hielten ihr begeistertes Publikum drei Stunden lang auf Kurs.

Herbert Grönemeyer, Bochums „Mensch“-gewordene eigene Hymne, ist zurück in „seiner Stadt“ - ein immer wieder einzigartiges Ereignis. Hatte er bei der Open-Air-Tour durch die großen Stadien im vergangenen Jahr mit über 750.000 Besuchern seine Heimatstadt noch ausgelassen, gehört Bochum bei der Fortsetzung der Schiffsverkehr-Tour selbstverständlich dazu. Im „gemütlichen“ Rewirpower-Stadion huldigen zwar „nur“ rund 27.000 ihrem Idol, doch das mit solch einer Inbrunst, dass jeder Seismograph erhebliche Bodenerschütterungen lokalisiert haben muss.

Innenraum und Block A haben sich kurz vor Konzertbeginn gesucht, gefunden und aufeinander abgestimmt. In bester (Fußball)Stadion-Manier initiieren sie die La-Ola und als „ER“ dann völlig unspektakulär die Bühne betritt, erreicht der Geräuschpegel Dezibelstärken, die jeden Lärmschutzwall zum Bersten gebracht hätten.

Grönemeyer kommt, sieht - und genießt, und lässt mit „Schiffsverkehr“ gleich die Magie spüren, die seinen Konzerten zu eigen ist: eine gekonnte Balance zwischen zeitgemäßem Pop und energiegeladenem Rock, gepaart mit - zugegebenermaßen – nicht immer ganz verständlichen Texten und das bezieht sich bei seinen neueren Liedern durchaus auch auf den Inhalt. Wird „Kreuz meinen Weg“ noch etwas verhalten beklatscht, steigen Stimmung und Textsicherheit bei „Musik nur, wenn sie laut“ in ganz andere Dimensionen. Danach noch mal kurz runterkühlen und inne halten bei „Halt mich“, um dann DIE Hymne anzustimmen, die in dieser Form nur in Bochum intoniert wird. Die ersten zwei Strophen des Steigerliedes sprengen alles bislang Dagewesene. Ein Meer rhythmisch klatschender Hände, gepaart mit der Präsenz unzähliger VfL-Schals bei „Bochum“ können niemanden unberührt lassen. Auch einen gut gelaunten Herbert Grönemeyer nicht, der mit leuchtenden Augen in Richtung Band strahlt und mit einem breiten Grinsen das Fan-Echo „tief im Westöööön - ööööön - öööön“ honoriert. Die in dieser Form wohl einzigartige Hymne für eine Stadt will Bochums Sangesbarde an diesem Abend als Solidaritätslied für alle Opelaner verstanden wissen. Das kommt an, dafür lieben und umarmen sie ihn – „er ist halt immer noch einer von uns“, attestiert ihm ein Fan Bodenständigkeit.

„Oh, oh, oh, oh-Gesänge“ und Herbert-Rufe begleiten Grönemeyer fortan durch den Abend. Er dirigiert die Massen in „seinem Wohnzimmer“, spielt wie ein kleiner Junge mit ihnen und zeigt sich bestens gelaunt. Herbert ist in seinem Element. Nichts mehr zu spüren von seiner Anspannung, die er freimütig zu Beginn des Konzertes zugibt: „Man freut sich immer riesig,, ist aber auch immer sehr aufgeregt.“ Weil seine glühende Anhängerschaft ihm sein Heimspiel aber denkbar leicht macht und ihn durch den Abend trägt, spürt er später: „Zuhause ist es doch am schönsten.“
Und Grönemeyer mischt seine Setlist munter weiter durch und zollt dabei auch all denen immer wieder Tribut, die nicht allein zum „Grölen“ gekommen sind, sondern vor allem seine ruhigen, nachdenklichen Stücke verinnerlicht haben - wie „Stück vom Himmel“, „Zu Dir“ „Der Weg“ oder „Feige“. Eines der schönsten Lieder des Schiffsverkehr-Albums wie Grönemeyer herausgefunden hat. „Hab ich ein Jahr für gebraucht, bin halt etwas langsam im Kopf.“

Die „Gassenhauer“ „Männer“ und „Alkohol“ funktionieren auch 28 Jahre nach Erscheinen von 4630 Bochum noch einwandfrei. Auch „Was soll das?“„Kopf hoch tanzen“ und „Die Härte“ lassen das Rewirpower-Stadion wippen. Seine Gummibärchen-Schnapp-Einlagen nach dem stimmungsvollen „Mensch“ mit kleiner Reggae-Zugabe sind dem eingeschworenen Fan nicht ganz unbekannt – sie sind seit langer Zeit fester Bestandteil seiner Konzerte. Und deswegen sei er auch über die Jahre etwas rundlich geworden, offenbarte Grönemeyer, der – nach „Bleibt alles anders“ ganz unverhofft und ohne Aufforderung die „Körr-iiiiiii-wuähss“ erklingen lässt. Ein Privileg, das Bochum exklusiv genießen darf, gehört der Kohlenpott-Song doch eigentlich schon lange nicht mehr zur Setlist.

Mit „Liebe liegt nicht in der Luft“ beschließt Grönemeyer den ersten Teil des Konzertes. Dem ersten „Tschüss – härrrlicher Abend“ nach mehr als anderthalb Stunden folgen weitere elf Lieder. Grönemeyer hält an seinem Konzept fest, erweckt „überbordende Gefühle“ bei „Land unter“ und dem seit Ewigkeiten Gänsehaut verleihenden „Flugzeuge im Bauch“, kurbelt die Stimmung bei „Demo“ und „Zum Meer“ wieder hoch und stimmt mit „Zeit, dass sich was dreht“ auf die anstehende Fußball-EM ein. Es wird abgefeiert, frei nach dem Motto „Bei wem jetzt nichts geht, bei dem geht was verkehrt“. Zwischendurch gibt „Häbbät“ – wie es immer mal wieder durchs Stadionrund tönt - eine Liebeserklärung an das Bochumer Publikum ab: „Mehr Glück geht kaum. Dieser Abend gehört zu den absoluten Highlights.“ Passend dazu gehört auch „Glück“ zum Repertoire. An den „November“ wollte man angesichts des endlich aufgetauchten Sommers eigentlich weniger gerne erinnert werden. „Ich will mehr“ klingt da schon besser. Und als Grönemeyer und Band die ersten Töne vom „Mambo“ anstimmen, gibt es endgültig kein Halten mehr. Was soll da noch kommen? Ganz einfach: Bochum, Klappe, die Zweite! 2007 hatte Herbert es „gewagt“ trotz minutenlanger „Ohne Bochum geh’n wir nicht nach Haus“-Gesänge die Hymne kein zweites Mal zu spielen und dafür reichlich Kritik geerntet. "Nur, damit das zwischen uns geklärt ist: Sollen wir das heute noch einmal spielen?" Natürlich sollte er! Und die Lautstärke, mit denen die 27.000 das zweite Mal "ihr" Bochum explosionsartig in die Nacht donnerten, müsste eigentlich die hohen Herren von General Motors in Detroit aufgeschreckt haben...
Es war der perfekte Abend, in den Grönemeyer nach drei Stunden das Publikum mit dem fulminanten "Gute-Nacht-Lied" "Vollmond" entließ, der Bochums wohl liebsten und berühmtesten Sohn nur noch ein kurzes "Wir sind hin und weg" entlockte.

Autor:

Andrea Schröder aus Bochum

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