Nachwuchs-Schauspielerin des Jahres 2020: Gina Haller vom Schauspielhaus Bochum - jetzt nominiert für Theaterpreis "FAUST":
„Auf den Theater-Proben ist erst mal alles richtig“

Nachwuchsschauspielerin des Jahres 2020: Gina Haller. Pressefoto Schauspielhaus Bochum / Ina Schoenenburg
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Gina Haller, Du bist zur Deutschen Nachwuchs-Schauspielerin des Jahres 2020 gewählt worden, herzlichen Glückwunsch! Wie und wo hast Du es erfahren?

Gina Haller:„Ich saß im Taxi in Köln, weil ich zu Dreharbeiten dort war. Ich hatte gerade mein Handy wieder eingeschaltet und sah, dass mein Intendant, Johan Simons, schon vier- oder fünfmal versucht hatte, mich anzurufen. Ich dachte zuerst, dass irgendetwas passiert sei, aber Johan wollte mir nur als Erster von der Auszeichnung erzählen: Du bist es! Ich habe mich so unglaublich gefreut!“, lacht sie . Und tut es noch.

Ein wahrer „Preis-Regen“, der schon seit längerem über das Schauspielhaus Bochum unter Leitung von Johan Simons niederprasselt, reißt nicht ab:

Ensemble-Kollegin Sandra Hüller wurde hier zum 2. Mal hintereinander zur Schauspielerin des Jahres gewählt und Jens Harzer zum schließlich ja lebenslangen Träger des berühmten Iffland-Rings und Nachfolger von Bruno Ganz erkoren, Inszenierungen wurden belobigt. Und nun – man möchte fast „endlich“ sagen – solche Ehre für Gina Haller...

Sie ist die „Ophelia“ in Sandra Hüllers „Hamlet“ und die junge „Sascha“ in Jens Harzers „Iwanow“, der Shakespeare und der Tschechow in der Regie des Intendanten Johan Simons, gefeierte Inszenierungen und vor Corona „ausverkauft bis in die Puppen“. In beiden Inszenierungen glänzt Gina Haller eindrucksvoll und ebenbürtig an der Seite dieser beiden starken Theater-Stars. Die wiederum gemeinsam in der ebenfalls preisgekrönten „Penthesilea“ (inzwischen auch in einer Corona-Version auf Abstand) brillieren. 

Wie war, wie ist die Arbeit mit diesen Theater-Riesen?

Gina Haller: „Klar habe ich großen Respekt vor Sandra und Jens. Aber Johan Simons schafft eine beschützte und angstfreie Atmosphäre, die uns allen gerecht wird. Wir begegnen uns auf Augenhöhe. Ich war früher Reiterin – und weiß, ein Pferd spürt immer, ob der Reiter Angst hat, das blockiert dann beide. So reagiere ich eher intuitiv auf Situationen, suche viele Zugänge zur Rolle. Natürlich bereite ich mich vor, lese viel und recherchiere Hintergründe zu Stück und Texten. Aber auf den Proben ist erst mal alles möglich. Ich erfasse den Raum, die Bewegungen – manchmal überrasche ich mich selbst mit meinen Reaktionen. Unser Gehirn ist unerschöpflich, da ist so vieles im Unterbewusstsein. Da kommen Sachen hoch, die ich schon mal auch einfach unreflektiert und körperlich umsetze. Ich meditiere viel - und beim Meditieren gibt es kein falsch oder richtig. Das gilt auch für die Proben hier: Erst mal ist alles richtig!“.

Das Bochumer Publikum erlebt in „Hamlet“ eine sehr aktive und selbstbewusste Ophelia, die immer wieder versucht, durch den Traurigkeits-Panzer des Hamlet hindurch zu kommen: Auch mit witzig-sprunghafter Körperlichkeit und immer neuen Kommunikations-Angeboten. Deine Ophelia weiß um ihre Power und um ihre Attraktivität. Wie hat sich, wie hast Du diese Rolle entwickelt?

Gina Haller:„Der Knackpunkt und Bruch ist die berühmte Klosterszene - Hamlet sagt zu Ophelia: Geh in ein Kloster! Da gib es verschiedene Interpretationstüren, durch die man gehen kann: Ein Klassiker der Rollenauffassung ist die Misogynie (Frauenhass) – das wollte ich nicht. Das hat mich nicht interessiert. Mir war von Anfang an klar, dass sich diese Ophelia niemals wegen Hamlet oder aus verschmähter Liebe umbringen würde. Und im Text steht das ja auch gar nicht über Ophelia, dort steht: Sie wurde gefunden, es kann also auch ein Unfall gewesen sein.

Ophelia wird auch nicht wahnsinnig wegen Hamlet. Ich wollte aufräumen mit diesem Frauenbild. Johan als Regisseur hat mich ermutigt, in diese Richtung weiter zu denken. Überhaupt hat sich durch Johan als Intendant ein ganz besonderes Ensemble zusammengefunden. Mit seiner großen Erfahrung ist er in der Arbeit bescheiden und offen für alles. Das überträgt sich und schafft eine gemeinsame Basis. Es ist familiär und ich fühle mich auf menschliche Weise geborgen. Da traut man sich auch, was auszuprobieren. Und für mich besonders wichtig: Ich bin hier komplett angstfrei. Denn ich weiß, Johan Simons und das Leitungsteam kümmern sich! Man braucht Leute, die an einen glauben.

Auch in „Iwanow“ an der Seite von Jens Harzer hat Gina Haller eine besondere überbordende „Sascha“ entwickelt: Titel-"Held“ Iwanow sagt von ihr, das sie die Zukunft ist!

Gina Haller:„Ja, „Iwanow“ war eine tolle Arbeit. Ich habe Jens mit Sandra in „Penthesilea“ erlebt und war von beiden sehr beeindruckt. Bei Iwanow haben wir einfach losgelegt. Das war sehr intuitiv, da hat sich vieles von allein ergeben. Sascha will vorwärts, ist ungeduldig, sie will endlich ein eigenes Leben – und sie will Iwanow retten!“.

Bitte kurz zu Dir: Eltern, Kindheit und Wege zum Theater?

Gina Haller: „Ich wusste lange nicht, was ich werden wollte. Meine Mutter ist Technische Zeichnerin. Sie hat mir niemals Steine in den Weg gelegt und sie kommt heute auch zu meinen Aufführungen. Mein Vater, der seit langem wieder in Afrika an der Elfenbeinküste lebt, hat mich noch nie auf der Bühne gesehen. Aber ich glaube schon, dass er stolz auf mich ist. Wir sind in Kontakt. Ich besuche ihn. Aber jetzt schon länger nicht mehr. Wegen Corona ist das derzeit nicht möglich.

In der Schule habe ich mal mit einem Gedicht-Vortrag einen Preis gewonnen und da hat mein Lehrer gesagt, geh doch mal in die Theater AG. Von der Idee war ich aber zunächst nicht so „begeistert“. Mit 14 bin ich dann aber tatsächlich in eine Theater AG gegangen und es hat mir gut gefallen. Als ich später mit 28 Jahren mein erstes Fest-Engagement an einem Theater bekam, habe ich zum ersten Mal gedacht: OK – jetzt bist Du Schauspielerin!“

Gina Haller ist bilingual in der Schweiz aufgewachsen und spricht Deutsch und Französisch als Muttersprache. Sowie US-Englisch und Spanisch fließend. Sie studierte Schauspiel in Paris im Cours Florent (Stipendium für die „Classe libre Promotion XXX“) und an der Hochschule der Künste in Bern. Sie hat sieben Jahre in Paris gelebt und in verschiedenen Projekten mitgewirkt. Wenn sie Zeit hat, macht sie auch immer noch ganz eigene Theater- und Kunst-Projekte, zuletzt ein „Madonna-Projekt“ über die Gottesmutter und die Sängerin Madonna.

Theater wünscht sie sich oft politischer. Sie geht offensiv mit ihrer Herkunft aus den beiden Kulturen ihrer Eltern um. Allein die Mehrsprachigkeit eröffnet ihr Zugänge, die anderen verschlossen bleiben und die andere Erlebnisse und Erkenntnisse ermöglichen. Aber auch schlechte Erfahrungen zum Inhalt haben können.

In Canettis „Die Befristeten“, dem ersten Theaterstück am Schauspielhaus Bochum unter Corona-Bedingungen, geht eine Szene den Zuschauern unter die Haut: Risto Kübar kniet auf Gina Hallers Hals – genauso lange wie der Polizist auf Georg Floyds Hals kniete und ihn so tötete. Es ist kaum auszuhalten. Eine Gratwanderung - ein „heiliger Moment“ für uns Menschen, der einem unwillkürlich die Tränen in die Augen treibt. Und die wohl kaum jemand anderes als Gina Haller so eindringlich und eben nicht spekulativ hätte spielen können.

Wie schafft man so etwas?

Gina Haller: „Ich habe meinen „Migrations-Hintergrund“ immer als Kraftquelle genutzt. Eine Kraft, die vieles möglich macht. Ich habe Situationen erlebt und ausgehalten, die andere nicht erleben. Das macht stark und kreativ. Und Kunst und Theater können das vermitteln.“ (cd)

NACHTRAG: Das vorstehende Interview-Porträt aus Anlaß der Jury-Wahl Gina Hallers zur "Nachwuchs-Schauspielerin des Jahres" war erst einige Tage online, da kam die nächste Nachricht: für die von der Deutschen Akademie der Darstellenden Künste zusammen mit dem Deutschen Bühnenverein und der Kulturstiftung der Länder vergebene hohe Auszeichnung, für den Theaterpreis "Der FAUST 2020", wurde als eine der Preis-Nominierten vorgestellt: Gina Haller vom Schauspielhaus Bochum für ihre Darstellung der Ophelia in der "Hamlet"-Inszenierung von Intendant Johan Simons. Allein die Nominierung zum "FAUST" in der Rubrik Darsteller/in gehört zu den meistbeachteten Ehren für deutsche Schauspieler. (cd)


Autor:

Caro Dai aus Essen-Werden

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