Das Schauspielhaus Bochum zeigt "Asche zu Asche"
Ein Experiment - das lange nachwirkt

Elsie de Brauw als Rebecca in "Asche zu Asche". Pressefoto Schauspielhaus Bochum / Isabell Machado Rios
2Bilder
  • Elsie de Brauw als Rebecca in "Asche zu Asche". Pressefoto Schauspielhaus Bochum / Isabell Machado Rios
  • hochgeladen von Caro Dai

Eine Ausnahmesituation:

So nahe ist man als Theater-Zuschauer den Schauspielern bei ihrer darstellerischen Arbeit sonst ja nie. Die sogenannte „vierte“ ( wahrscheinlich von Anbeginn erster Rollenspiele an:) nur „vereinbarte Wand“ Richtung Publikum, die die Grenze zwischen „Spiel“ und „Zuschauen“ definiert, ist hier auf der Bühne der Kammerspiele am Bochumer Schauspielhaus aufgehoben. Die Schauspieler laufen zwischen uns als Zeugen ihres Tuns herum. Stellen sich auch mal direkt hinter einen Stuhl und sprechen nah am Ohr des Sitzenden. Auch wenn man als Zuschauer nicht aktiv auf der Bühne mitagiert, so ist man doch nicht wie gewohnt im anonymen Dunkeln des Parketts geborgen.

Harold Pinter lokalisiert sein Alterswerk „Asche zu Asche“ in dem Wohnzimmer eines älteren Paares:

Bei ihr sind die Erinnerungen nicht mehr so genau, sie erzählt eher - emotional. Er will aber konkrete Antworten, die er auch zeitlich einordnen kann. Im Kleinen Haus des Bochumer Schauspielhauses sitzen die 50 Zuschauer auf unterschiedlichsten Sitzgelegenheiten, vom Sessel bis zum Gartenstuhl, etwa zur Bühnen-Mitte hin ausgerichtet durcheinander auf den Brettern. Eugene Ionescos berühmte „Stühle“ lassen grüßen.

Man wird Zeuge eines langen Gespräches zwischen „Devlin“ und „Rebecca“:

Er fragt sie ziemlich eindringlich aus und sie antwortet ziemlich ausweichend. Und für Außenstehende kaum verständlich. Weicht aus, ist ein bisschen kühl und auch ein bisschen trotzig: „Er war eine Art Reiseführer? Ein Führer.“ Das wiederholt sie ein paar mal nachdenklich, fast genießerisch: „Die Menschen hatten Respekt vor ihm.“ Ihr fällt ein, dass sie vergeblich nach Toiletten in dieser Fabrik gesucht hat. Die Arbeiter hatten weiche Kappen auf. „Er hielt mir seine Faust zum Küssen hin. Bog mich weit nach hinten, hielt meinen Hals fest.“

Elsie de Brauw gelingt es, die Zuschauer in ihre seltsamen Geschichten hineinzuziehen:

Und sie ist eine wahre Meisterin in Sachen Übersprungs-Handlungen: Sie nestelt unmerklich bei ihren Antworten verlegen an langen Bändern, die aus ihrem hochgeschlossenen, raffinierten blauen Kleid (Kostüme: Greta Goiris) herausschauen. Knöpft die vielen (eigentlich völlig überflüssigen) Knöpfe an ihren Ärmeln auf und zu, die nur zu diesem Zweck dort angebracht erscheinen.

Ihre schwammig-geheimnisvollen Antworten machen ihn wahnsinnig: Partner Guy Clemens fragt immer hartnäckiger, fast fanatisch werdend, nach. Schwitzt vor Erregung in seiner weißen Jacke, die er sich dann auch mal samt Einlege-Rollkragen vom Leib reißt. Er ist eifersüchtig auf diesen „Liebhaber“ von dem SIE noch immer nicht loskommt. Trotz dessen erotisch brutaler Attacken gegen sie. ER will wissen, ob das alles vor ihrer Beziehung geschehen ist. Denn: Dann würde es IHN ja nichts angehen...

Johan Simons´ „alter ego“ und langjähriger Mitarbeiter Koen Tachelet (bei dieser seiner eigenen Regie diesmal auch sein eigener Dramaturg) lässt die Beiden sich ständig umkreisen zwischen all den zuschauenden Zeugen.

„ER“ will unbedingt „die Wahrheit“ erfahren. Und an den Wiederholungen merken „wir Zeugen“, dass dies nicht das erste Gespräch ist, sondern dass dies wohl genau so schon hundertmal so abgelaufen ist: Asche zu Asche.

Die Decke fällt einem auf den Kopf:

Währenddessen hat sich, ebenfalls unmerklich, die hell-weiss leuchtende und mit einem Gitter gegliederte Bühnendecke (Bühnenbild: Nadja Sofie Eller) immer weiter auf uns alle, Spielende wie Zuschauende niedergesenkt. Und die inneren Assoziations-Maschinen sind längst angelaufen, gefüttert von Worten und Szenarien, die an Krieg, Zwangsarbeiter in Nazi-Waffenfabriken (ohne jede auch nur primitive Vorrichtung für die Notdurft der Todgeweihten) und andere Greueltaten rühren.

Nach „Thüringen“ und „Hanau“ hat die vorher entstandene Bochumer Inszenierung dieses Stücks vom weltberühmten Autor noch weiter an Aktualität gewonnen. Und das Theater wirkt hier beinah wie ein Seismograph der gefährlichsten gesellschaftlichen Entwicklungen. Starker und betroffener Applaus für die beiden exzellenten Schauspieler Elsie de Brauw und Guy Clemens. (CARO DAI)

Elsie de Brauw als Rebecca in "Asche zu Asche". Pressefoto Schauspielhaus Bochum / Isabell Machado Rios
Guy Clemens als "Devlin" und Elsie de Brauw als "Rebecca" in "Asche zu Asche". Pressefoto Schauspielhaus Bochum / Isabell Machado Rios.
Autor:

Caro Dai aus Essen-Werden

following

Sie möchten diesem Profil folgen?

Verpassen Sie nicht die neuesten Inhalte von diesem Profil: Melden Sie sich an, um neuen Inhalten von Profilen und Orten in Ihrem persönlichen Feed zu folgen.

4 folgen diesem Profil

Kommentare

online discussion

Sie möchten kommentieren?

Sie möchten zur Diskussion beitragen? Melden Sie sich an, um Kommentare zu verfassen.

Diskussion schließen

Hinweis: Der Autor wird vom System benachrichtigt

add_content

Sie möchten selbst beitragen?

Melden Sie sich jetzt kostenlos an, um selbst mit eigenen Inhalten beizutragen.

Karte einbetten

Abbrechen

Video einbetten

Es können nur einzelne Videos der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Playlists, Streams oder Übersichtsseiten.

Abbrechen

Social-Media Link einfügen

Es können nur einzelne Beiträge der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Übersichtsseiten.

Abbrechen

Beitrag oder Bildergalerie einbetten

Abbrechen

Schnappschuss einbetten

Abbrechen

Veranstaltung oder Bildergalerie einbetten

Abbrechen