"Geschichten aus dem Wiener Wald" im Schauspielhaus
Eine verstörend aktuelle Geschichte

Horváths "Geschichten aus dem Wiener Wald" ist zugleich unheimlich und komisch.
  • Horváths "Geschichten aus dem Wiener Wald" ist zugleich unheimlich und komisch.
  • Foto: Jodlbauer
  • hochgeladen von Nathalie Memmer

"Ödön von Horváths 'Geschichten aus dem Wiener Wald' ist mittlerweile fast 90 Jahre alt, aber in Zeiten, in denen der Umgangston rauer wird und politische Extreme an Bedeutung gewinnen, ist das Stück aktueller denn je", begründet Dramaturg Vasco Boenisch, warum man sich an der Königsallee entschlossen hat, mit diesem modernen Klassiker in die Spielzeit zu starten. Für Theaterfans ist die Inszenierung aber noch aus mindestens zwei weiteren Gründen interessant.

Nach 16 Jahren kehrt Regisseurin Karin Henkel, die bereits während der Intendanzen von Leander Haußmann und Elmar Goerden am Schauspielhaus inszeniert hat und mittlerweile an fast allen großen deutschsprachigen Bühnen tätig war, nach Bochum zurück. "Sie ist für mich eine der spannendsten Regisseurinnen in der heutigen Theaterlandschaft", freut sich Boenisch über diese Zusammenarbeit.

Thomas Anzenhofer kehrt zurück

Als Gast war Thomas Anzenhofer an der Königsallee zuletzt mit seinen eigenwilligen Kruske-Krimis zu erleben; nun kehrt er, der in den vergangenen Jahren vorwiegend als Musiker gearbeitet hat, in einer Sprechtheater-Produktion zurück. Während Frank-Patrick Steckels Intendanz war Anzenhofer Ensemblemitglied; Elmar Goerden holte ihn nach Bochum zurück. In den vergangenen Jahren war er an der Königsallee vor allem mit seinen Johnny-Cash-Abenden präsent.
In "Geschichten aus dem Wiener Wald" stehen außerdem Mourad Baaiz, Marina Galic, Gina Haller, Marius Huth, Karin Moog, Bernd Rademacher und Ulvi Teke auf der Bühne. "Das sind keine leibhaftigen Österreicher", macht Vasco Boenisch deutlich. Dennoch wolle man den Originaltext nicht zu sehr verändern. "Formulierungen und Satzbau bleiben erhalten; die Schauspieler sprechen keine Telenovela-Texte", betont der Dramaturg und fährt fort, "wir verzichten auf offene Bezüge zur aktuellen politischen Situation, aber Parallelen zur Gegenwart kann der Zuschauer unschwer herstellen."

Geschichte eines Abstiegs

Die Geschichte, die in Wien und Umgebung angesiedelt ist: Marianne soll den wohlhabenden Metzger Oskar heiraten, weil ihr Vater sich in wirtschaftlichen Schwierigkeiten befindet. Doch Marianne, die Oskar wenig abgewinnen kann, verliebt sich in Alfred und verlässt ihren Vater. Marianne und Alfred, die mittlerweile ein Kind haben, schaffen es nicht, sich eine solide Existenz aufzubauen. Alfreds Mutter und Großmutter nehmen das Kind in ihre Obhut. Marianne verliert mehr und mehr den Boden unter den Füßen und kommt schließlich gar ins Gefängnis. Nach ihre Entlassung aus der Haft keimt nochmals Hoffnung auf. Als Marianne allerdings vom Tod ihres Kindes erfährt, ist sie endgültig gebrochen - und Oskar ist bereit, sie zu heiraten.
Das harte Schicksal, das die Hauptfigur Marianne ereilt, steht stellvertretend für die Angst, ins gesellschaftliche Abseits zu geraten - und die gibt es heute genauso wie zu Horváths Zeiten. Auch der junge Nazi Erich steht für einen Typus, der heute wieder offen auftritt.
"Horváths Tragödien werden gerade dadurch komisch, dass sie unheimlich sind", ordnet Boenisch das Drama ein, "dazu tragen auch Maske und Kostüm bei."
Das Ganze sei zugleich alptraumhaft und verspielt und habe eine starke theatrale Qualität. "Außerdem gibt es viel Musik, für die Lars Wittershagen sorgt", verrät der Dramaturg.
Erich Kästner hat das Stück als "Volksstück gegen das Wiener Volksstück bezeichnet". Diese Ambivalenz signalisiert schon der Titel: Schließlich ist "Geschichten aus dem Wiener Wald" auch der Titel eines Walzers von Johann Strauss (Sohn) - doch mit Walzerseligkeit hat die Geschichte aus der Zeit der Wirtschaftskrise wenig zu tun. Die Menschen vegetieren unter teils erbärmlichen Verhältnissen und nehmen in ihrer Not zu kriminellen Handlungen Zuflucht.
Nicht zuletzt die Tatsache, dass das Stück über die Jahrzehnte immer wieder verfilmt worden ist, beweist seine ungebrochene Brisanz und Aktualität.

Termine
 Für die Premiere von "Geschichten aus dem Wiener Wald" am Donnerstag, 3. Oktober, um 19 Uhr im Schauspielhaus, Königsallee 15, gibt es derzeit noch einige Karten.
 weitere Termine: Samstag, 5. Oktober, 19.30 Uhr; Sonntag, 6. Oktober, 17 Uhr (16.15 Uhr: Einführung); Freitag, 25. Oktober, 19.30 Uhr (anschließend Publikumsgespräch mit Karin Henkel); Samstag, 26. Oktober, 19.30 Uhr (18.45 Uhr: Einführung); Samstag, 2. November, 19.30 Uhr; Sonntag, 10. November, 19 Uhr (18.15 Uhr: Einführung); Freitag, 22. November, 19.30 Uhr; Mittwoch, 27. November, 19.30 Uhr (18.45 Uhr: Einführung); Dienstag, 31. Dezember, 19.30 Uhr.
 Karten können unter Tel.: 3333 5555 reserviert werden.  Weitere Informationen gibt es auf: www.schauspielhausbochum.de.

Autor:

Nathalie Memmer aus Bochum

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