Heilig Abend 1958

Im Dezember 1958 war ich grade sieben Jahre alt und es war bisher immer so gewesen, das meine älteren  Geschwister und ich am Heiligen Abend erst zu meiner Tante und meinem Onkel gingen.Dort kam nach dem Essen für uns schon mal das Christkind und man hatte mir gesagt, es flöge von dort aus zu uns nach Hause. Ja, ich glaubte tatsächlich noch mit  sieben  Jahren ans Christkind. Das ganze Weihnachtsspektakel begann bereits am 23.Dezember im Wohnzimmer! Mein Vater hatte es sich zur Aufgabe gemacht, allein den Baum und nur in .silber zu schmücken. Dazu wurde auch das Lametta vom Vorjahr verwendet. Dieses hatte er fein säuberlich beim Abschmücken über einen Pappstreifen gewickelt. Ich bedauerte damals, das keine Süssigkeiten an den Baum gehängt wurden, so wie bei meinen Freundinnen zu Hause. Aber bei uns gab es das leider nicht und was die Eltern damals bestimmten, war auch nicht zu diskutieren. Kinder hatten still und gehorsam zu sein.Wie gesagt, das Ritual begann am Tag vor heilig Abend. Meine Mutter holte den Karton mit Kerzenhaltern und Weihnachtsschmuck vom Boden. Sie legte alles griffbereit für meinen Vater nebeneinander auf den Tisch. Wir Kinder waren als Zuschauer von meinem Vater gern gesehen und wir begleiteten seine Schmückaktion dann stets mit Weihnachtsliedern. In unserer Familie wurde immer viel gesungen, was leider heute kaum noch üblich ist.. Er gab sich immer besondere Mühe, das Lametta fein säuberlich und glatt über die Zweige der Fichte zu hängen. Zuvor hatten die Kugeln einen Platz in Stammnähe auf den Zweigen gefunden. Elektrische Kerzen gab es auch noch nicht. Nach dem Schmücken wurde ein Eimer mit Wasser gefüllt und in Baumnähe platziert. Hatte mein Vater sein Werk vollbracht, betrachtete er den Baum noch einmal erst skeptisch und war alles zu seiner Zufriedenheit, bekam er ein ganz verklärtes Gesicht.Seine Laune war dann auch gut und wir Kinder freuten uns aufs Christkind. Die Kerzen steckte meine Mutter erst kurz vor dem Anzünden auf, weil sie befürchtete, wir Kinder könnten doch mal heimlich zündeln. Ich glaube, dabei hat sie besonders an mich gedacht. Ich war vom Feuer fasziniert und hatte schon mal gezündelt. Diese Eigenschaft habe ich dann auch wohl später an einen meiner Söhne vererbt!
So, dann war es endlich so weit. Wir hatten den 24. Dezember. Die Adventskalender damals bestanden nur aus Bildern, die mit Glitzer verziert waren. Hinter jedem Türchen verbarg sich ein weihnachtliches buntes Bild. Ich liebte meinen Kalender. Darum gefiel mir wohl auch das Adventslied :,, Kalender, Kalender, du bist ja schon so dünn, nun ists ja bis Weihnachten nicht mehr lange hin ", so gut.
Im Dezember 1958 Hatte es noch nicht geschneit. Ich erinnere mich noch gut, das ich vor Aufregung nichts essen konnte, bis meine Geschwister und ich uns zu Tante und Onkel auf den Weg machten. Es lag ein Fussweg von fast einer Stunde vor uns. Das machte uns nichts, denn damals war man es nicht gewohnt zu fahren. Ein Auto besassen nur wenige und das Geld war knapp. Da lief man lieber, als es für die Strassenbahn auszugeben. Meine Schwester, die älteste ,hatte einen Stoffbeutel mit kleinen Geschenken dabei und auch, um unsere Geschenke auf dem Heimweg zu tragen.Mir war kalt, denn aus meinem Wollmantel war ich schon so weit heraus gewachsen, das sich die Knöpfe kaum noch in den Löchern hielten und die Strümpfe kratzten. So kamen wir dann bei Onkel und Tante an. Die hatten schon liebevoll den Tisch gedeckt und den Gabentisch vor dem Christbaum mit einem weissen Laken verhüllt. Meist gab es Kartoffelsalat mit Würstchen zum Essen. Weil  Weihnachten war,  auch noch einen leckeren Nachtisch. Nach dem Essen sangen wir in freudiger Erwartung Weihnachtslieder vor dem Gabentisch. Das Licht der Kerzen liess den Schmuck am Weinachtsbaum festlich funkeln. Im Kerzenschein lüftete dann meine Tante den Gabentisch. In diesem Jahr war das Christkind recht fleissig gewesen, schliesslich , davon war ich überzeugt, nur, weil ich das Jahr über so artig war und für die Schule gelernt hatte. Gabentische von damals sahen ganz anders aus die heutigen.Erfreut betrachteten wir die Geschenke. Da lag ein gefalteter neuer Mantel, den meine Tante selber geschneidert hatte und auch noch ein karriertes Kleid, das ich mir so gewünscht hatte, ein Stoffäffchen, ein goldenes Kettchen und auch noch ein bunter Teller mit Marzipan, bunt eingepackte Weihnachtsschokolade, die man heute als Baumbehang kennt und auch noch Nüsse, Äpfel und Apfelsinen. So einen reichlich gedeckter Gabentisch verschlug mir die Sprache. Ich weiss noch, das ich weinte. Bevor man uns dann wieder nach Hause schickte, kam der Fotoapparat zum Einsatz, den das Christkind meinem Onkel gebracht hatte. Fluchs zog ich mein neues Kleid an, legte stolz das Kettchen um und posierte so glücklich zwischen meiner Familie.Auf dem Heimweg fror ich auch nicht mehr, denn der neue Mantel wärmte mich. Die Strassen waren inzwischen menschenleer, nur wir Kinder  waren mit unseren Gaben unterwegs. Nach etwa halber Strecke, begann es zu schneien.Es war ganz feiner Schnee, wie Puderzucker, den uns da der Wind ins Gesicht blies.Rasch zog sich die weisse Pracht über Strassen, Dächer, Büsche und Bäume. Aus einigen Fenstern drang schon der milde Scheine von Kerzenlicht durch die Fenster auf die Strasse und wo die Vorhänge noch nicht geschlossen waren, konnte man die Silhouette eines Baumes erkennen. Es schneite immer immer fester und da ich keine Stiefel trug waren meine Füsse schon bis an die Knöchel weiss, aber, was komisch war, meine Füsse wurden davon nicht kalt!
So lag vor uns eine unberührte weisse Schneefläche, als wir um die letzte Ecke zu unseren Haus bogen. Dann blieben wir stehen, weil das, was wir erblickten, so wunderschön aussah. Ich habe dieses Bild noch immer vor Augen und darum ist mir auch sicher gerade dieses Weihnachtsfest so in Erinnerung geblieben. Der Schnee rieselte und hatte die Gaslaternen mit einer weissen Mütze überzogen, so das deren Licht fast abgedeckt war. Hinter den Fenstern unseres Hauses waren alle Vorhänge zugezogen- bis auf eines im vierten Stock- Unseres! Mein Herz klopfte ganz laut, denn aus einem geöffnetem Fensterflügel wehte die Gardine ins Freie und dahinter war bereits von der Strasse aus der Weihnachtsbaum zu erkennen, dessen Kerzen brannten.,,Das Christkind war schon da" Sicher war es erst vor wenigen Augenblicken aus dem Fenster geflogen.
Die Bescheerung fiel zu Hause nicht so üppig aus, doch das hatten die Erwachsenen alles miteinander abgesprochen. Um 23Uhr, machten wir uns dann auf den Weg zur Mitternachtsmette. Da waren die Strassen wieder gut mit Kirchgängern gefüllt.
Gern denke ich  an dieses Fest zurück. Heute ist alles viel lauter, bunter und üppiger. Da denke ich manchmal, weniger kann auch mehr sein.

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