Vasco Boenisch prägt als Chefdramaturg das künstlerische Profil des Schauspielhauses entscheidend mit
Kommunikationsschnittstelle an der Königsallee

Vasco Boenisch prägt als Chefdramaturg die künstlerische Linie des Schauspielhauses entscheidend mit.
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Am Schauspielhaus hat mit dem neuen Intendanten Johan Simons auch ein neues Leitungsteam das Ruder übernommen, zu dem auch Chefdramaturg Vasco Boenisch gehört, der als Produktionsdramaturg für die Inszenierung „Die Philosophie im Boudoir“ verantwortlich ist, die rund um den Jahreswechsel unter Theaterfreunden für einige Aufregung gesorgt hat.
„Als Chefdramaturg bin ich zum einen Leiter der Dramaturgie und verantwortlich für meine Kolleginnen und Kollegen und zum anderen vor allem mit der so genannten Programmdramaturgie beschäftigt. Das heißt, dass wir Dramaturgen mit der Intendanz – Intendant Johan Simons, stellvertretende Intendantin Miriam Lüttgemann – das Programm zusammenstellen, in Absprache mit dem Betriebsbüro. Als Chefdramaturg trägt man hierfür eine besondere Verantwortung, immer auch das große Ganze im Blick zu behalten. Es geht darum, künstlerische Leitplanken zu setzen genauso wie die Details eines Spielplans mitzubedenken, und letztlich beschäftigen mich auch strukturelle und finanzielle Fragen innerhalb des Theaters. Insbesondere die Arbeit am Programm ist bei uns sehr kollegial, nicht so hierarchisch wie vielleicht an anderen Theatern – und das ist sehr gut so“, gibt Vasco Boenisch Einblick in seine Tätigkeit als Chefdramaturg am Schauspielhaus.
Zu diesen übergeordneten Aufgaben kommt die Tätigkeit als Produktionsdramaturg hinzu, so hat er zum Beispiel neben Johan Simons‘ „Penthesilea“ auch Herbert Fritschs Regiearbeit „Die Philosophie im Boudoir“ nach dem gleichnamigen Roman des Marquis de Sade betreut.
Nach der Premiere im Dezember haben sich die Wogen, die die Produktion geschlagen hat, inzwischen wieder geglättet, aber „Die Philosophie im Boudoir“ bleibt ein Stück, über dessen Inhalt und Ästhetik sehr unterschiedlich geurteilt wird, was im Theaterbetrieb ja nichts Ungewöhnliches ist. „Bei der Premiere sind von 600 Zuschauern vielleicht 50 vorzeitig gegangen“, relativiert Boenisch den Eindruck, das Publikum sei in Scharen geflohen. Er räumt jedoch ein: „In solchen Situationen stellt man fest, dass man Erwartungen enttäuscht hat, was natürlich schade ist, aber auch nicht immer zu vermeiden, wenn man als Theater nicht auf Nummer sicher geht, sondern das Publikum mit Ungewohntem herausfordert. Für die Schauspieler und die Zuschauer, die die Inszenierung bis zum Ende verfolgen möchten, ist die Unruhe, die entsteht, wenn einige mitten in der Aufführung den Saal verlassen, natürlich ablenkend.“ – Dennoch sei es legitim, wenn Besucher auf diese Weise ihr Missfallen äußern.
Was genau diese negativen Reaktionen hervorgerufen hat, lässt sich nur vermuten. „Ich könnte mir vorstellen“, so Vasco Boenisch, „dass manche eine solche Sprache im Theater einfach nicht hören wollen – sei es, weil sie zu drastisch ist oder vermeintlich zu ordinär.“

Kontinuierliche Zusammenarbeit angestrebt

„Herbert Fritsch kenne ich bereits durch meine Mitwirkung in der Jury des Berliner Theatertreffens 2011 bis 2013; viele seiner Arbeiten haben mich als Theaterkritiker sehr interessiert“, erzählt Boenisch über die Vorgeschichte der Zusammenarbeit mit dem Regisseur, dessen Inszenierung des Nonsens-Stücks „Murmel Murmel“ auch in Bochum schon viele Freunde gefunden hat. Bereits Anfang 2016 hat Vasco Boenisch gemeinsam mit Johan Simons begonnen, die Arbeit am Schauspielhaus konkret zu planen. „Da ging es natürlich auch schon um die Frage, welche Regisseure zu uns passen könnten“, sagt der Chefdramaturg, „und welche Bedingungen sie für ihre Arbeit brauchen. Eng damit verbunden ist die Suche nach geeigneten Stoffen.“ Vasco Boenisch formuliert als Credo der Arbeit von Herbert Fritsch am Schauspielhaus: „Wir streben eine kontinuierliche Arbeit an, um besondere künstlerische Projekte in die Tat umsetzen zu können.“
Als Produktionsdramaturg hat Vasco Boenisch schon vor zwei Jahren begonnen, mit Regisseur Herbert Fritsch über eine Realisierung von „Die Philosophie im Boudoir“ auf der Bühne nachzudenken – für Fritsch die Verwirklichung eines lang gehegten Wunsches. „Im Entstehungsprozess der Inszenierung“, gibt Boenisch Einblick in seine Arbeit, „gebe ich dem Regisseur immer wieder Rückmeldung zu dessen Ideen aus meiner etwas distanzierteren Perspektive, wie ein zweiter Blick, aber wir entwickeln auch Dinge gemeinsam, und ich bringe direkt Anregungen ein; ich stehe also als Austauschpartner bereit. Dabei haben wir dann zum Beispiel entschieden, als Ein- und Ausstieg eine Zirkusartistin auftreten zu lassen, wie es Herbert Fritsch vorschwebte, und haben das Bühnenbild, das er ja stets selbst entwirft, besprochen. Außerdem laufen beim Dramaturgen alle inhaltlichen Fragen zusammen, die die Produktion betreffen, man ist sozusagen die Kommunikationsschnittstelle.“

Einen Roman auf die Bühne bringen

„Die Philosophie im Boudoir“ musste als Roman erst einmal für die Bühne bearbeitet werden: Auch das gehört zu den Aufgaben des Dramaturgen. „Bei mehr als 300 Druckseiten heißt es natürlich nicht zuletzt: kürzen“, erklärt Vasco Boenisch und fährt fort, „es gilt, einen Fokus zu setzen und aus der Vorlage etwas Eigenes zu machen.“ – Es verbietet sich, die Verquickung von Sexualität und Gewalt, die den Roman prägt, eins zu eins auf die Bühne zu bringen. Dass es in der Bühnenversion ganz zentral um die Frage geht, wie sich philosophische Thesen und die Gruppenarrangements im Boudoir in der Sprache realisieren, unterscheide „Die Philosophie im Boudoir“ von anderen Stücken: „Es macht die Arbeit an der Stückfassung besonders; man hat größere Freiheiten, weil es jenseits der Rahmenhandlung relativ abstrakt ist. Das darf allerdings nicht zu Beliebigkeit führen. Den Schauspielern muss klar sein, warum sie was an welcher Stelle sagen – und tun. Und genau an diesem Schnittpunkt treffen sich Dramaturg und Regisseur.“
Auch nähmen die Schauspieler durchaus Einfluss auf die Entstehung der Stückfassung: „Sie diskutieren bei den Proben mit. Die Erarbeitung der Bühnenfassung erfolgt im Wechselspiel zwischen Improvisation auf der Bühne und Überlegungen am Schreibtisch. Ziel ist es, dass sich Humor und Spannung der Vorlage auch auf der Bühne vermitteln beziehungsweise herausgearbeitet werden. Außerdem sollten in diesem konkreten Fall bei de Sade alle Schauspieler etwa den gleichen Anteil am Geschehen haben: Eine Hierarchisierung wollten wir genauso vermeiden wie eine fixe Zuordnung der Rollen, um das Allgemeingültige zu betonen und den Kopf immer in Bewegung zu halten; wir lassen die Schauspieler deshalb zwischen den Figuren wechseln.“ Als Dramaturg sei man auch immer Ansprechpartner für die an der Produktion beteiligten Schauspieler, erläutert Boenisch.

Weiterarbeit nach der Premiere

Großes Medienecho hat auch die Entscheidung ausgelöst, die Inszenierung nach der Premiere um zwanzig Minuten zu kürzen. Dies, so wird an der Königsallee betont, sei keine Reaktion auf Unmutsbekundungen aus dem Publikum gewesen. „Es ist gar nicht so ungewöhnlich, dass an einer Inszenierung nach der Premiere noch weitergearbeitet wird. Das Schöne am Theater ist ja gerade, dass die Arbeit nach der Premiere weitergeht, abgesehen davon, dass ohnehin nie jeder Abend gleich ist“, erläutert Dramaturg Vasco Boenisch. Dennoch sei „Die Philosophie im Boudoir“ etwas Besonderes: „Die Inszenierung hat sich nach der Premiere stärker weiterentwickelt, als das bei anderen Stücken der Fall ist. Der Rhythmus stimmte bei der Premiere noch nicht ganz. Durch die Kürzungen hat die Aufführung in sich mehr Zug und ist fokussierter. Schließlich liegt uns diese Arbeit sehr am Herzen.“
Der jeweilige Dramaturg zeichnet auch für das Programmheft verantwortlich. „Das Sekundärmaterial, das es enthält, soll eine Fundgrube für das Publikum sein“, formuliert Boenisch seinen Anspruch. Im Falle von „Die Philosophie im Boudoir“ enthält das optisch opulente Heft viele Denkanstöße zu den Themen „Freiheit der Kunst“ und „Egoismus als Triebfeder menschlichen Handelns“, die die Zeitlosigkeit des Stoffes ausmachen.

Einführungen und Publikumsgespräche

Auch in anderer Weise ist der Dramaturg eine wichtige Schnittstelle zwischen künstlerischem Team und Publikum: „Wir bieten Einführungen und Publikumsgespräche an und erstellen Texte für die Website und den Leporello.“ – Oder es entstehen die Textfassungen für Sonderabende wie die fünfteilige literarisch-musikalische Reihe „Die zerrissenen Jahre“ nach dem Bestseller von Philipp Blom oder Idee und Konzept für die Gedenkveranstaltung an Bochums Theaterikone Tana Schanzara, die kürzlich stattfand und die Boenischs Kolleginnen Cathrin Rose und Felicitas Arnold verantworteten. Ansonsten gelte es, sich als Dramaturg auf dem Laufenden zu halten, was politisch in der Welt geschehe und was Kunst- und Theaterszene zu bieten haben.
Im Rückblick auf den Saisonauftakt und vor allem auf „seine“ Produktion „Die Philosophie im Boudoir“ sagt Boenisch: „Es gab sehr unterschiedliche Reaktionen, sehr viel Kritikerlob, aber auch wenn einem Zuschauer diese Aufführung nicht gefällt, hoffe ich auf die Neugierde, ein anderes Mal wiederzukommen. Über Geschmack kann man streiten, sehr gern sogar, aber vor allem ist das Schauspielhaus Bochum ein lebendiges Theater auf künstlerisch höchstem Niveau, das ist mir wichtig.“ – Die nächste Herausforderung hat er dabei schon im Blick: Ende Januar beginnen die Proben zur „Iphigenie“ des Euripdes', einer weiteren Produktion, die der Dramaturg betreut.

Termine

„Die Philosophie im Boudoir“ ist am Samstag, 2. Februar, um 19.30 Uhr wieder im Schauspielhaus, Königsallee 15, zu sehen; bereits um 18.45 Uhr gibt es eine Einführung.
weitere Termine: Samstag, 9. Februar, 19.30 Uhr; Samstag, 16. Februar, 19.30 Uhr; Sonntag, 17. März, 17 Uhr (16.15 Uhr: Einführung); Freitag, 22. März, 19.30 Uhr.
Karten gibt es unter Tel.: 3333 5555.

Vasco Boenisch prägt als Chefdramaturg die künstlerische Linie des Schauspielhauses entscheidend mit.
Als Produktionsdramaturg hat Vasco Boenisch die Inszenierung "Die Philosophie im Boudoir" betreut, die für einigen Wirbel gesorgt hat.

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