Lesen aus dem Bücherschrank: 2. „Die Eisläuferin“

Es gibt Tage, an denen der Grummer Bücherschrank an der Johanneskirche derart aus allen Nähten platzt, dass man nichts zu finden glaubt. Und trotzdem...

2. Münk, Katharina: "Die Eisläuferin", Roman

Die Regierungschefin einer westlichen Industrienation macht sich im Urlaub zusammen mit ihrem Mann listig aus dem Staub, um sich einmal ganz ohne Überwachung durch Sicherheitsbeamte ihren Traum von einer Reise mit der transsibirischen Eisenbahn zu erfüllen. Als sie an einem der Bahnhöfe aussteigt, um sich die Füße zu vertreten und zu telefonieren, fällt ihr ein altes Bahnhofsschild auf den Kopf, wodurch sich die letzten 20 Jahre ihres Lebens aus dem Gedächtnis löschen.

Fortan beginnt sie jeden Tag ohne jegliche Erinnerung an den Tag zuvor und an alle Tage dieser letzten 20 Jahre, was für ihren Mann und den engsten Mitarbeiterstab ungeheure Anstrengungen täglicher Wiederaufgleisung bedeuten, um der Öffentlichkeit weiterhin eine funktionierende Regierungschefin präsentieren zu können. Trotz aller Bemühungen um ein reibungsloses Tagesgeschäft entdeckt sie jedoch eine bis dahin nie gekannte Spontaneität an sich, mit der sie alle Planungen der in die Amnesie Eingeweihten durcheinanderbringt. Im Bemühen einer Wiedererlangung der verlorenen 20 Jahre entwickelt sie eine Eigendynamik, die nicht jedem passt.

                                                                       * * *

Es gibt Bücher, nach denen man wegen ihres gelungenen Covers beherzt greift, um dann festzustellen, dass man mit ihnen zunächst nicht so recht warm werden will - und trotzdem… kann man nicht von ihnen lassen, weil man intuitiv ahnt, dass sie irgendwann derart Fahrt aufnehmen werden, dass man sie schließlich nicht mehr aus der Hand legen möchte.

„Die Eisläuferin“ von Katharina Münk braucht ein bisschen Zeit, um ihre augenzwinkernden Besonderheiten zu präsentieren. Dann aber beginnt man doch ziemlich rasch zu begreifen, wie viel Spaß es gemacht haben muss, sich diese wahrhaft drolligen Situationen und Sequenzen auszudenken und sie vor dem Auge des Lesers lebendig werden zu lassen. Aussagen voller Doppeldeutigkeiten reihen sich aneinander und entwickeln eine ganz eigene Komik, die durchaus Nebenwirkungen entfaltet und sich gewisser Risiken nicht erwehren kann; dann nämlich, wenn man die Regierungschefin auf dem eigenen Bildschirm abendlicher Nachrichten sieht und sich daran erinnert, dass sie doch täglich frisch aufgegleist nur als Kulisse vorgeschoben wird, um einen klaren Durchblick und politisches Kalkül zu behaupten, wo stattdessen jeden Tag aufs Neue begonnen werden muss, die Erinnerung an das zuvor Gewesene zu lernen.

Nach der Lektüre des Buches ist man geneigt, sich zu fragen, ob man nicht eigentlich längst geahnt hat, dass die alle einen Dachschaden haben und nicht mehr wissen, wovon gestern eigentlich noch die Rede war und was sie kürzlich erst versprochen haben. Aus solch genervter Verfolgung des politischen Geschehens mag der Gedanke, ein solches Buch zu schreiben, wohl erwachsen sein. Eine clevere Roman-Idee und ein vergnügliches Lese-Erlebnis, bei dem man zwischendurch nur leider durchaus mal den Faden verlieren kann und sich eine Raffung des Geschehens wünscht – aber keine Bange. Das ist der Regierungschefin einer westlichen Industrienation ja auch passiert und sie hat sich prächtig geschlagen und sehr gut amüsiert.

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