Mäßigung

Ich bin ein Nihilist geworden, irgendwie unabsichtlich vermögen mir Vergnügen, Unterhaltung und Genuss in der heutigen Welt kein wirkliches Vergnügen mehr zu bereiten.
Ich bin im Laufe der Jahre einfach gesättigt von dem allgegenwärtigen Konsum, nach dem die Menschen hier streben und auch wenn sie ein geringes Einkommen haben, nach einem Mehr wie die Besserverdienenden gieren.
Nein, es ist sogar so, dass es mich auf gewisse Weise ankotzt.
Wieso haben sich die 68er mit Haben oder Sein von Erich Fromm beschäftigt, die Esoteriker mit dem Sinn des Seins, die asiatisch Geprägten mit buddhistischen Lehren, die Veganer mit der Tierliebe, wenn alle diese Leute nach wie vor in ihrer Weise dem Konsum frönen? Hat ihnen denn keiner beigebracht, dass zu einem anderen sicherlich besseren Bewusstsein auch solch eine Lebensart dazu gehören müsste?
Ich erlebe immer wieder in der inkonsequenten Masse der angeblich Mehr – Bewussten, dass ihr Bewusstsein nur so lange anhält, wie sie selbst auf keinen Komfort oder Luxus verzichten müssen, ihre Gesinnung lediglich auf einen kleinen Bereich beschränken, der aber an ihrer Gesinnung doch stark zweifeln lässt.
Eine Veränderung des Denkens, so meine ich, sollte auch eine Veränderung des Handelns enthalten, ja diese gerade hervorrufen.
Es ist nicht möglich, zu proklamieren, sich aus politischen oder ökologischen Gründen des Konsums entzogen zu haben, auf der anderen Seite aber lange Fern- Ferien- Flüge zu tätigen, sich der Manipulation der Mainstream Medien durchaus bewusst zu sein, aber einen neuen Flachbild Screen anzuschaffen oder für das neuste Smartphone anzustehen. Es geht nicht an, sich über die Grausamkeiten, die Kriege in der Welt auslösen, zu ereifern und den nächsten Tatort zu konsumieren, sich also mit Mord und Grausamkeit unterhalten zu lassen.
Viele Hartz IV Leute geben an , sie hätten zu wenig Geld und man müsse das Grundeinkommen einführen. Natürlich ist Hartz IV wenig Geld, ohne den Vergleich zu anderen Länder zu tätigen, doch mit guter Organisation und der Anpassung an die Sozialbehörden, kann man in diesem Land damit überleben. Da höre ich argumentieren: Ja, aber ich habe das und das und das nicht, man gibt aber an, ein Sozialist oder ähnliches zu sein, also jemand, der sich ein Bewusstsein erarbeitet hat. Aber man will nicht auf Annehmlichkeiten verzichten.
Die Mäßigung, die schon bei Platon und Epikur ein Thema war, von der angenommen wurde, sie erst sei der Grundstock zu einem gelingenden Leben, ist im Konsumkapitalismus pervertiert worden. Nur um die Wirtschaft stabil zu halten, werden wir uns schaden und uns nicht zu einem guten Leben verhelfen.
Wenn ich in der Stadt oder in der Bahn die Leute mit den Handys sehe, denke ich jedes Mal, sie sind an die Matrix angeschlossen, ohne ihre Umwelt zu bemerken, ohne einen Austausch zu pflegen. Sie glauben, sie hätten Kommunikation, doch sind nicht mehr fähig zu einem direkten Gespräch.
Die Medien haben es auf die Spitze getrieben. Wir haben nicht zu wenig Informationen, sondern eine Flutwelle von zusammenhanglosen nichtssagenden Nachrichten. So kann man Leute auch verblöden, nicht, indem man ihnen die Informationen entzieht, sondern indem man sie irrational aufbereitet und sie damit überflutet, damit sie sie nicht behalten können, aber glauben, sie seien informiert.
Ich habe das Fernsehen weggeschmissen und mache das Handy nicht zum täglichen Begleiter.
Auch wenn wir die ökologische Katastrophe und die Massentierhaltung ernst nehmen, können wir uns gut ernähren, und zwar mit einfachen Gerichten ohne den ganzen Schnickschnack, der zur weiteren Konsumsteigerung in den Geschäften und Rezepten angeboten wird. Außerdem finde ich es pervers bei Vegetariern, ein Sojaschnitzel oder Würstchen zu braten, das dann genauso schmeckt wie Fleisch, es ist ein Betrug in sich selbst.
Die Mäßigung ist nicht nur eine Notwendigkeit gegen das Konsumsystem, sie ist eine Lebensweise. Ja, dann wird von Triebunterdrückung und Freiheit des Einzelnen gesprochen, da man sich eingeschränkt fühlt oder glaubt, es würde etwas weggenommen.
Wenn aber, politisch gesprochen, die Armen global auf Konsum verzichten würden, bräche die Wirtschaft der Reichen zusammen. Das wäre doch mal eine Revolution!
Eine Mäßigung hat viele, eigentlich die meisten Vorteile für ein gutes Leben. Wie in einer Fastenwoche, wo man wieder mehr zu sich selbst und zu seiner Innerlichkeit gelangt, so ist auch der Wegfall von vielen Konsumartikeln und Maßnahmen, die ja nur von außen herangetragen werden und verwirren, eine Möglichkeit zur Besinnung auf andere wirkliche Werte, die nachhaltiges Erleben und Leben, verloren gegangene Kreativität neu erschaffen.
Wenn ich mir anschaue, wie lange der Mensch auf der Erde lebt und wie in den letzten 200 Jahren das Leben im Westen immer schneller und süchtiger, Gewinn maximiert und objektbezogen, auch auf andere Menschen, geworden ist, und diese Gier die Erde zerstört hat, so werde ich wirklich Nihilist und sage Nein zu dem unnatürlichen Leben, dem wir ausgesetzt sind, und gehe lieber in den Wald als zum Shoppen in die Stadt.

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