Penthesilea-Premiere an der Königsallee
Sandra Hüller und Jens Harzer als tödlich Liebende

Penthesilea (Sandra Hüller) und Achill (Jens Harzer).
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  • Penthesilea (Sandra Hüller) und Achill (Jens Harzer).
  • Foto: Pressefoto Schauspielhaus Bochum Monika Rüttershaus
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Bochum. Nach der zweiten ausverkauften Premiere in stylisch sanierten Bochumer Schauspielhaus seines neuen Intendanten Johan Simons vor teils weit angereistem Kenner-Publikum lässt sich sagen: Geht es so weiter wie mit der Dramatisierung des Lion-Feuchtwanger-Romans "Die Jüdin von Toledo" für zehn und der Kleist-Bearbeitung "Penthesilea" für zwei Personen, steht Bochum nach seinen wirklich historischen und berühmten Theater-Epochen (unter früh Saladin Schmitt, später kurz Peter Zadek und dann Claus Peymann) vor einer neuen vielbeachteten Ära. Simons ausdruckstarkes Inszenieren - unter typischem Einsatz auch körperlicher Mittel - von herausragenden und von ihm zusammengebrachten neuen Schauspielern korrespondiert beeindruckend mit dramaturgischer Texterstellungs-Leistung beider Eröffnungs-Premieren.

Die Salzburger Festspiele hatten das Recht der ersten Nacht mit „Penthesilea“:

Doch die Bochumer Premiere war deswegen nicht weniger ein Fest lebendiger Theaterkunst! Die über 200 Jahre alte „Schlachtschüssel“ von Heinrich von Kleist ist wohl selten besser auf den Punkt hin inszeniert worden wie in dieser überragenden Aufführung. Auf den Grundkonflikt herunter gebrochen, auch optisch zeitlos ausgestaltet - und damit ganz nah im Heute.

Aus dem schwarzen Nichts der Bühne:

sind irritierende Schab- und Schleif-Geräusche (es könnte auch etwas sehr Festgeklebtes herausgerissen werden) zu hören. Erst allmählich erhellt sich der Raum durch ein schmales (sich auch mal unbemerkt verbreiterndes) lichtweiß-leuchtendes Bodenfenster vorn quer über die komplette Bühnenrampe. Der Hintergrund bleibt stets im Dunkeln. Heraus rennen, kämpfen und umtanzen sich zwei schöne kriegerische Körper in gleichen schwarzen langen Röcken. Nur die Köpfe, die nackten Arme und durch ein schmales, schwarzes Brustband bei Penthesilea und ein Unterhemd bei Achill bedeckten Oberkörper heben sich plastisch vor dem Dunkel der Zeit ab. Bis sich Sandra Hüller und Jens Harzer ganz außer Atem auch mit Worten duellieren. Die kluge Zwei-Personen-Textfassung von Vasco Boenisch erlaubt den Beiden ihre Geschichten einfach selbst zu erzählen.

Überhaupt perlt die kleist-sche Sprache, von Vielen noch aus dem Deutschunterricht gefürchtet, hier wie Wasser:

Klar und rein und sehr vertraut und verständlich. Wir befinden uns auf einem Schlachtfeld im Trojanischen Krieg. Ungünstiger kann eine Liebesgeschichte ja kaum beginnen.

Es geht um eine Kriegerin und einen Krieger, die - von der gegenseitigen Anziehung völlig überrumpelt - nicht glücklich zueinander finden können:

Herkunft und Konventionen werden diese Liebe töten. Es ist kompliziert! Über alle Worte hinaus berührt der ausdrucksstarke wie besessene Body-Talk. Denn Penthesilea, die jungfräuliche Amazonen-Königin, darf sich einen Samenspender nur in der Schlacht erobern (muss ihn de facto dazu kidnappen), um ihn beim „Rosenfest im heimischen Tempel“ zum Erzeuger ihrer möglichst weiblichen Nachkommen machen zu können. (Bei Erfolg wird der dann reich beschenkt nachhause geschickt).

Doch Penthesilea hat von der verstorbenen Mutter den Hinweis bekommen, sich fürs Rosenfest den größten Helden des Trojanischen Krieges zu fangen:

Den Halbgott Achill! Der wiederum Frauen bisher nur als Kriegsbeute oder politisch nützliche Verbindung kennt. Die Liebe zwischen Penthesilea und Achill schlägt ebenso gewaltig ein wie beide aufeinander. Das Verhängnis nimmt seinen Lauf, als Achill ihr vorgaukelt, er sei besiegt, sei ihr Gefangener. Ihre Freude darüber ist beinah männlich derb und überglücklich. Trotz böser Träume hat sie wohl „den ihr vorbestimmten Krieger“ im Kampf überwältigt und will natürlich so schnell wie möglich zum Rosenfest in den Tempel. Kurz, als er ihr die ganze Wahrheit sagt, ist sie über diese von ihm ja lieb gemeinte Notlüge zutiefst enttäuscht und vernichtet. Achill, der nun erst richtig versteht, dass Penthesilea nach den Regeln der Amazonen nur mit ihm leben und lieben kann, wenn er ihr Gefangener ist, will sich in einem neuen Duell zum Schein von ihr besiegen lassen.

Doch seine erneute Herausforderung gibt Penthesilea den Rest:

Dass sie mit Elefanten und Hunden kommen will, redet er sich verliebt schön. Sandra Hüller und Jens Harzer spielen dies einfach doppelt, das zweite Mal mit vertauschtem Text, sich umarmend dem Publikum zugewandt - zu einer Person verschmolzen. Das Ende berichtet Penthesilea selbst. Sie hat im Liebes-Todesrausch das Liebste auf der Welt getötet. Wenn Sandra Hüller schreiend das berühmte Zitat: „Küsse, Bisse, das reimt sich. Und wer recht von Herzen liebt, kann schon das Eine für das Andere greifen.“ verzweifelt herauswürgt, ist ihr Suizid nur konsequent - tief-schwarze Dunkelheit.

Jubel-Applaus für die beiden großartigen Schauspieler nach Salzburg auch in Bochum!

Sandra Hüller und Jens Harzer sind für ihre überzeugenden Leistungen in Johan Simons Penthesilea- Inszenierung für den höchsten österreichischen Theaterpreis „Nestroy“ nominiert. Hand in Hand mit seinen Stars wurden Johan Simons und sein Produktionsteam in vielen Applaus-Runden von einem beglückten Publikum gefeiert. (cd)

Penthesilea (Sandra Hüller) und Achill (Jens Harzer).
Achill (Jens Harzer) liebt Penthesilea (Sandra Hüller).

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